24.03.2023 | Traktor – British Lions II 5:1 (3:1)

Zur Einleitung des nicht meteorologisch, dafür aber tabellarisch umso heißeren Boxhagener Frühlings trafen sich am Freitagabend auf dem vielbesungenen Hauffgrund zwei absolute Hochkaräter des Berliner Freizeitfußballs unter den Augen zahlreicher ZuseherInnen und eines sehr possierlichen blondgelockten Vierbeiners. Während es für die erstklassige Zweitvertretung der Löwen darum ging, den Anschluss an die obere Tabellenregion nicht abreißen zu lassen und die Meisterschaft spannend zu halten, wollten die tapferen Traktoristen die Scharte der bisher einzigen Saisonniederlage auswetzen und im heiligen Hauff eine weitere Machtdemonstration zelebrieren.

Doch die Vorzeichen waren für Tinto alles andere als ideal: Nachdem der letzte Sonntag mit dem knappen Sieg gegen Solidarität bereits gezeigt hatte, dass jeder Punkt in dieser Liga hart erkämpft werden muss und eine zu hohe Nachlässigkeit und fehlende Spannung schnell bestraft werden können, gab es zum heutigen Spiel auch einen akuten personellen Aderlass zu beklagen. Zu den Absagen zahlreicher wichtiger Akteure gesellte sich nach dem Aufwärmen auch Herr Albrecht mit Schmerzen im so wichtigen rechten Zauberbein zur illustren Runde der Lazarettisten, was ihm die zweifelhafte Freude bescherte, das schon beim Umziehen herbeigesehnte kühle Hopfengetränk unverhofft früh seiner Kehle zuzuführen und die Geschicke seiner Mannen gewohnt gut frisiert und elegant gekleidet nur von der Tribüne zu verfolgen. Eine vollends neuformierte Viererkette aus Jakobiner, Seelenflüsterer, Feld-Doktor sowie Abwehrdebütant und Hochgeschwindigkeitsdribbler Samweis (gegen seine Übersetzung sieht die Arbeit einer Singer Heavy Duty wie die Zeitlupenaufnahme einer Heißluftballonfahrt aus) stellte sich heute mutig den Löwen entgegen.

Tinto mit folgenden von Coach Pupetta hervorragend eingestellten und auf Betriebstemperatur gebrachten Erntearbeitern: Krake – Jakobiner, Seelenflüsterer, Feld-Doktor (vormals Seb – nun Feld-Doktor, der Arzt, dem die Trainer vertrauen), Samweis – Kannibale, C-Dog, Grunge (c), Sokrates, Maschine – Der Bräune – Polo, Zar, Tokajer, Hulk.

Vorab: Der Schiedsrichter heute ein absoluter Lichtblick im Hinblick auf seine souveräne Spielleitung, sowie die modisch gewagte wie kreative Kombination aus Hertha-Cap (leidgeprüfter tränengetränkter used-look), Hornbrille (intellektueller Touch) und einem eng geschnittenen, eingesteckten, weißen (ja weißen) Schiedsrichter-Jersey. Auf das akkurate Einstecken der Trikots beider Teams beim Betreten des Spielfelds legte der Maestro an der Pfeife zurecht mehr Gewicht als auf die Kontrolle eventueller Schmuckgegenstände oder anderer Nebensächlichkeiten wie Schienbeinschoner o.ä.

Doch nun zum Spiel: Nach einer 5-minütigen intensiven Beschnupperungsphase übernahmen die Herren in Weinrot das Zepter und wussten durch engagiertes Anlaufen und ansehnliches Kombinationsspiel dem Spiel schnell ihren Stempel aufzudrücken. So lies das 1:0 nicht lange auf sich warten. Auch hier zeigte der hervorragende Schiedsrichter sehr viel Fingerspitzengefühl und beste Kenntnis der beteiligten Akteure, als der lässig hinter der Grundlinie fernab jeglicher gegnerischer Spieler lauernde C-Dog mal wieder von den nur für ihn geltenden und bisher hauptsächlich im Training eingesetzten Street Rules (Tunnel zählen doppelt und Abseits ist wegen mangelndem Swag abgeschafft) profitierte. Er erhielt in seiner exponierten Position den Ball aus der Mitte, nahm ihn gekonnt an und spielte zwischen den wie soeben erläutert vollkommen grundlos Abseits reklamierenden Löwen hindurch zu Grunge, der seiner verantwortungsvollen Aufgabe als Kapitän gewohnt souverän, trocken und zuverlässig nachging und das Leder humorlos in den Maschen versenkte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Street Rules Einzug in die offiziellen Regularien der FIFA erhalten; ein Glück, dass wir so progressive Regelhüter in der Verbandsliga haben.

Mit dem 1:0 folgte eine Phase großer Überlegenheit, die sich auch bald in weiteren Änderungen auf der Anzeigetafel niederschlug. Einen der gefürchteten Innenrist-Knuckleballs von C-Dog konnte der zu oft von seinen Mitspieler im Stich gelassene gegnerische Torwart unter Einsatz all seiner Gliedmaßen nur nach vorne abprallen lassen und der Kannibale verspeiste zunächst genüßlich seinen verteidigenden Gegenspieler mit Haut und Haar im Laufduell und gönnte sich dann zum Nachtisch noch den Abstauber zum 2:0.

Das nächste Tor entstand wieder aus einem gelungenen Angriff, in dem der heute gewohnt dribbelstarke und unermüdlich anlaufende De Bräune einen 100000000 Scoville scharfen und ideal getimten Querpass auf den Mann für die schönen und sinnlichen Momente spielte – Sokrates („Wer glaubt etwas zu sein, hat aufgehört etwas zu werden“) – 3:0. Sokrates im übrigen mal wieder mit einer hervorragenden Leistung im Zentrum, das er mit hoher Laufbereitschaft und feinem Fuß zu einer no-go-area für die gegnerischen Spieler machte.

Über den durchaus vermeidbaren Gegentreffer, der aus einem relativ unbedrängten Kopfball nach einer durchaus vermeidbaren Ecke resultierte, soll an dieser Stelle der Mantel des Schweigens gelegt und nie mehr gelüftet werden.

Nach der Pause ersetzte der Zar den zum Dienste eilenden Feld-Doktor und zeigte auf der rechten Abwehrseite eine tadellose Leistung, die es den Scharen auf der Tribüne trotz kühler und zuweilen feuchter klimatischer Bedingungen ganz warm ums Herz werden lies. Auch der Tokajer und Hulk brachten mit ihrer Qualität und einigen feinen Aktionen die Luft am Hauffgrund zum knistern.

Das 4:1 fiel dann nach einem der in der zweiten Halbzeit zahlreichen Gegenstöße, in denen die zunehmend gezähmten Löwen immer wieder größere Lücken zwischen ihren Mannschaftsteilen und innerhalb ihrer Viererkette offenbarten, was keine gute Idee ist, wenn C-Dog  und Maschine noch nicht gesättigt sind vom à la Carte-Menü: Schnittstellenpass – überraschend bodenständiger Abschluss in die lange Ecke – der Gruß aus der Küche lautet heute 4:1.

C-Dog mal wieder mit einer Leistung, die ihn nicht nur bei der aktuellen Form des HSV sicher in die Startelf katapultieren würde, stünde er nicht bei den fleißigsten Feldarbeitern Berlins unter Vertrag.

Schließlich das 5:1 nach ähnlichem Muster: Dieses Mal auf der anderen Seite Der Bräune ballführend mit einem Leckerbissen von einem Vertikalpass, Maschine denkt sich „wenn schon denn schon“ und sagt herzlichen Dank.

Spätestens dann war die Messe gelesen und am Spielstand änderte sich nichts mehr.


Das Highlight der Partie ereignete sich allerdings beim Stande von 4:1 im Strafraum der Hausherren, genauer gesagt zwischen Fünfmeterraum und Elfmeterpunkt. Nach einem der wenigen zielführenden Angriffe waren die Löwen über ihre linke Offensivseite durchgebrochen und hatten einen strammen Querpass in die Mitte gespielt, wo ein einschussbereiter Stürmer bereits in freudiger Erwartung der Hereingebe lauerte. Doch hatten alle auf dem Platz die Rechnung ohne den überragenden Samweis, die Industrienähmaschine mit den Siebenmeilenstiefeln gemacht, der mit handgemessenen 237 Km/h angerauscht kam und den Ball in letzter Sekunde noch mit einem Vollspannstoß aus der Gefahrenzone in Richtung Spreemündung beförderte, um danach einen Brunftschrei hervorzubringen, der bis jenseits der Alpen kampferprobte 24-Ender erschaudern ließ.
Mit dieser Einstellung ist die Mannschaft definitiv für alle Aufgaben gewappnet, die in dieser Saison noch auf und neben dem Platz warten.

Besonders hervorzuheben neben der wie gewohnt großartigen Mannschaftsleistung auf dem Platz, inklusive Textsicherheit bei Désenchantée und Trinkfestigkeit im Panenka ist die Leistung der neu gebildeten und und während des Spiels noch veränderten Viererkette aus Jakobiner, dem Feld-Doktor, Seelenflüsterer, Samweis und dem eingewechselten Zaren, die allesamt durch großartige Konsequenz, Ruhe und eine übersinnliche Abstimmung untereinander zu überzeugen wussten. Die hohe Beteiligung an den Siegesfeiern der letzten Wochen scheint sich auch mehr und mehr in einem blinden Verständnis auf dem Platz niederzuschlagen.

Wir hoffen, Sie bleiben uns gewogen.

Auf bald
Filou