Zeitung

Literarische Ergüsse rund um das Fussballgeschehen von Traktor Boxhagen.

 

Zeitung 2015

Jesehn, jelacht, zarissn – die „Operation Mürbeteig“

Da sind wir wieder, Guten Tag (24.6.2015). Wie immer um diese Zeit bekommen Sie, lieber Leserin, so eine Art Saisonauswertung des sympathischen Traktor-Universums inklusive verschiedentlicher Vermutungen, Anmaßungen sowie vermeintlicher Zukunftsaussichten dargereicht. Diesmal aufgeschrieben an den mürrischen Steilufern der Panke; also.

Soviel ist ja mal klar: diese Spielzeit war ja ein immens dicker Hund! Traktor jetzo (nach diversen Aufstiegen durchmarschigen) in der Landesliga, zweithöchste Spielklasse. Mit allerlei illustren gegnerischen Truppen und die rauchenden Auskenner in Boxhagen murmelten frühzeitig und gedankenschwer: „Diese Liga ist der Flaschenhals – da staut sich so allerhand Ambition und Qualität; wenn du da durch bist, haste nach hinten nur noch ne Lehne…“

Weinrot wollte aufsteigen, wie immer. Das war der einfache wiewohl anspruchsvolle Plan

und so jedenfalls hatten es sich die Prachtkämpfer aus dem Hauffgrund im September `14 in die Cortex-Rinde tätowiert, jawoll! Zu diesem Zwecke brachte Herr Pupetta der Mannschaft den „Läufer“ (größter Dank an dieser Stelle an Oscar für seine vielen Tore!!) bei, markierte erstklassige konditionelle Zwischenstände in der Vorbereitung und verdingte sich erneut mit vollstem Einsatz bei seinem Verein. Und die ersten Spiele waren ja auch noch recht passabel – erst im Heimspiel versus „Grashüpfer Tegel“ (siehe Spielbericht) stolperten die Bauern und bekamen es noch gar nicht mit, ach du Schreck!

Dann. Immer öfter reihten sich die aberwitzigen Szenen aneinander, immer wieder beglückten die Traktor-Diefända ihre Zugucker und Däumchenhalter mit schrillsten Schnapsereien und verloren diverse Begegnungen; völlig zu recht im übrigen. Und so fanden sich die Boxis nach Neujahr bei 6 Siegen/5 Niederlagen im grauesten Mittelmaß der Tabelle wieder. Alle Kneipen stöhnten, alle Lotterien winkten ab, alle Ultras lagen mit Gastritis danieder… Was tun?!

„Kontra“ geben – viele Gerechte fanden sich und schmiedeten einen abenteuerlichen Plan, welcher den Projektnamen „Operation Mürbeteig“ verpaßt bekam. Warum? Weil die „Schmerzen-tun-nicht-weh-Revue“ in aller Erinnerung noch sich befindet, weil die „Uuhps, wie dittit ägänn-Tournee“ ewiglich als erfolgreich in den weinroten Herzen und Annalen verweilen darf und weil jeder Kuchen schlicht einen (völlig zu Unrecht unterschätzen) Boden braucht, allerfeinst und liebevoll hergestellt. Jedweder schielt nach dem Belag, Obst, Käse, Nugat, Schoko, s`Schlagom, tralllala… Aber was getragen werden soll, braucht ein Fundament solides; ein durchdachtes, der Statik zugeneigtes! Um Inhalte geht es doch, nicht um Wünschepupünsche: Ein Traktor wird von ordentlichen Reifen getragen, von Planierraupen manchmal gar. Tuckert irgendwann los – aber wenn er erstmal losgetuckert ist, kann ihn niemand halten; ruhig und mächtig zieht er dann Furche. Und darum ging es nämlich, um nichts weniger als die beste aller traditionellen Tugenden bei Traktor: die Abwehr zum unbedingtem Gusse zu formen, bretterhart die eigene Reuse zu verteidigen und die Gewißheit zu implantieren, jede „Null“ halten zu können.

Und hier nun fand der wesentlichste Teilprozeß statt: Während der Trainer eine wesentliche Veränderung im Abwehrverbund vornahm, schickte er unterdessen seine Recken (die hielten wie je smart ihre Knochen in den Wind, schönet Ding!) in deren Bibliothek der Erfahrungen, in ihre Schatzkammer der Emotionen, um sie der glühenden Selbstbegegnung auszusetzen. Dazu wurden die beiden Novizen „Tokajer“ und „Herr Moor“ geschickt ins Mannschaftgefüge eingewebt – und was sollen wir sagen? Seitdem lief der Hase – 10 Siege und ein Remis waren die Folge; das reichte am Ende gar für den Sonnenplatz und bedeutete nichts weniger als dann doch die Planerfüllung, alle Wetter!

Der „SV Traktor Boxhagen e.V“ bedankt sich an dieser Stelle bei seinen Unterstützern und engagierten Mitgliedern, wie immer bei der Spielleitung anmutigen des VFF sowie selbstredend bei seinen Mitwettbewerbern: erwähnte Tegeler, Berliner Jungs II, THC, LiraFüchse, Rudower Kickers, Soli/Tasmania, Rotation Prenzelberg, SFC IV, Knallrot Wilmersorf, Viktoria.

Da waren viele schöne Schlachten dabei und zumeist waren es die Widerparte der Traktoristen, welche nicht nur auf dem Platze eine hübsche Fairneß walten ließen. Wir hatten die Ähre, danke!

Und übrigens: die aus der Jungfernheide unterliegen aktuell einer gigantischen Erkenntnis und verabschieden sich Richtung anderer Verband. Wissen also, wo sie wirklich hingehören. Und was sagen wir dazu? Herzlichen Glückwunsch!

In 2 Monaten treten die Traktoristen dann in der Verbandsliga an, ganz dünne Luft. Boxhagener demütig wollen lernen und freuen sich auf die Konkurrenz… Seien Sie mit dabei und werden Sie Zeuge einer möglicherweise erneuten und interessanten Entwicklung dieser Knallcombo! Endstation Sehnsucht…

Dazu dürfen wir bekunden die erfolgreich abgeschlossene Zeit der Spielgemeinschaft von Boxhagenern mit Ballcelonesen innerhalb der Altersrubrik „Ü 32“. Die Mannschaft konnte einen sechsten Platz (mit sechstem Sinn?) erreichen und überbrückte damit gewisse Altersschütteleien bei einer hochmotivierten Spielerdecke doch sehr sinnig. Mal sehen, was das wird, wenn sich nunmehr wieder die autarkesten derer aus dem Hauffgrund dem Kampfe stellen. Hierzu wünschen wir viel Erfolg und versprechen ebenfalls, auch diese Reise durchaus mit Buchstaben, vielen guten Wünschen wiewohl exakter Führung zu begleiten.

Lieber Leserin, bleiben Sie uns treu und sich selbst zudem.

Ihr Theo Retisch

[collapse]

 

Zeitung 2014

„…alles zu werden, strömt zu Hauff!“

Letztes aus dem Hotel Libau/Raucherlounge; 21.8.2014:

Nach 2 aneinander gereihten Aufstiegen stehen die Großfeld-Traktoristen nunmehr in der Fernsehfußi-Landesliga für diverse Auseinandersetzungen ihren Widerparten zur Verfügung. Ab September geht es los und lasen Sie, lieber Leserin, in den verflossenen Tagen titelseitig von diversen Abgängen (Linde, Fabi, Kollege Bolzhauer, just Jacobus und absehbar gar der beste Zweikämpfer aller Zeiten bei Boxhagenern), so müssen die gestrigen Vorkommnisse am Trainingsrande klar als Eruption bewertet werden! Dazu folgende kleine Vorgeschichte:

Im Frühjahr 2008, bei nächtlicher zugiger Bornitz-Kälte wurde nach dem Training (damals auch gerne mal mit 5-9 Mann, huch!) ein Kapitän gesucht. Die Kleinfeld-Traktoristen schickten sich unter der Ägide des TrosinaStäff gerade an, die Landesliga weit oben abschließen zu wollen (am Ende landete Weinrot hinter den FC Berlin auf dem Silbertablett – Aufstieg in die höchste Spielklasse) und dafür nun wurde ein Anführer gesucht. Ja, sogar die fadesten Fluppenheinis befanden es für angemessen und wettkampfsportlich korrekt, jemanden als Hauptbauern mit einer Binde in die Erntekämpfe zu delegieren – „Jawoll, da soll doch noch enah sagen, wir hätten keenen Blauen vons Kickän…“.

Sie kennen diese Momente, ja? Elternversammlungen, Betriebsrat, Presseinterview? Eisesstille, icke doch nich! Verantwortung, öffentlich? Meinung haben, Argumente fundieren, sich durchsetzen gegen Widerstand und Beschimpfungen? Capitano??? Also um es kurz zu machen: Graf Schenk wurde angemeldet und gewählt; mit 10 von 9 Stimmen. Und seitdem war der Typ der Käptn! Hat 99% aller Spiele gemacht, sich immer zerschunden, nie um irgendeinen Zweikampf verlegen, immer selbstversunken arbeitend, immer für die Situation auf dem Platze da. Ansonsten: zuhören, rauchen, kurz ablästern, basta. Viele Gegner mochten den nicht leiden wegen seiner vermeintlich brutalen Spielweise, regten sich unaufhörlich auf – allein: die haben es nicht verstanden! In Wirklichkeit ist der Mann die Zärtlichkeit in Person und sein eigentliches Foul besteht in dem doch sehr konkreten Händedruck bei Wiederaufsteh-Hilfe…

Also es sei an dieser Stelle ein Hoch auf den ArgentumSechser/Graf Schenk/Capitano ausgebracht! In ihm vereinigen sich nämlich alle Tugenden, die ein Freizeitfußballer nach der bescheidenen Meinung Ihrer Redaktion mitbringen sollte. Jedoch welche das neben den preußischen sind, soll hier natürlich nicht verraten werden. Vielleicht nur soviel: „Verlieren“ soll man lernen, „gewinnen“ darf man lernen. In Summa: Freund Alex hat die Mannschaften zu jeweils zwei 6. Plätzen und dann Meisterschaften geführt (Pokalschlachten inklusive) sowie den Übergang ins Großfeld maßgeblich mittels zweier Durchmärsche gestaltet. Fakt.

Und warum erzählen wir das alles? Weil er nicht mehr Käpt`n ist und wir ihm danken wollen. Wir danken sehr herzlich und bewundern den Reifegrad seines Universums, welcher später ach so viele Folgetraktoristen beeindrucken konnte. Wir verneigen uns artig und sagen „Dankepupanke“ für all die schönen Momente seiner Hunderter Nägel, seiner Bodenturnereien, seiner blutigen Trikots und seiner stoischen Aktionen!

Coach Detta hat gestern die Sphinx mit der Binden“bürde“ ausgestattet. Warum, wird man sehen. –

Und wir haben eine weitere Neu: die unter dem Spitznamen firmierende „32er“ wird diese Saison mit Kollegen des ruhmreichen „FC Ballcelona“ fusionieren und eine Spielgemeinschaft bilden. Sympathische Synergie; viel Erfolg bei diesem Unternehmen!

Völker, hört die Signale…

[collapse]

 

Zeitung 2013

Melancholie, du kriegst mich nie!

Wie geht es Ihnen? Also in der Sportredaktion lähmt ein enormes Gähnen jedwede Aktion. Und Sandokan bspw. weilt auf DER Insel, der Saphir gar auf dem fünften Kontinent und der Zonk wiederum („Danke für die vielen und illustren Beobachtungen!“ sagt das Fachpublikum) emigriert ins wahre Leben – und Freizeitkicken? Fehlanzeige! Schnee lang da; und heute ist 16. März. Nun, damit Ihnen, lieber Leserin, die Zeit hin zu rauschenden Kicker-Festspielen so angenehm wie nur irgend möglich überbrückt wird, hier die neuesten Empfehlungen aus der Bibliothek des Weltgewissens:

Streifen: „Beasts of the Southern Wild“/R.: Benh Zeitlin/USA 2012

(Noch im Kino!) Mit 9 Jahren erkennt Hushpuppy: „Alles im Universum hängt zusammen. Geht auch nur ein kleiner Teil kaputt, geht das Universum kaputt.“ Pole schmelzen, Auerochsen erstehen auf, Krokodile explodieren. Eine absurde und göttliche Parabel über die Heimat des Herzens und den Tod; ein Aufruf, zu vertrauen und zu bestehen. Von großen Winden wird erzählt und von selben Fluten. Eine Mahnung, auf den Vater zu hören und trotzdem die Tiere zu verstehen. Eine Verteidigung der Autarkie! Schlüsselsätze: „Die Starken gehen nicht weg – sie bleiben.“ und „Ihr müßt lernen, den Schwachen und Zarten zu helfen.“

Spitzen Cajun-Mugge, Spitzenfilm! Balzerwütig verwackelte Handkamera (schön grobkörnig aufgenommen), aber dafür können Sie fast am Ende sogar noch einen Traktor sehen. In einer halben Zehntelsekunde.

Schwarte: „Herr Moses in Berlin“/Heinz Knobloch/ erschienen 1979 in der DDR

Zu Zeiten Friedrichs des II: Knobloch erinnert uns an Moses Mendelssohn, den Weltweisen, Freund Lessings und der Schrift an sich. Wir lernen jene Zeit aus dem Blickwinkel des jüdischen Gelehrten kennen und sind Zeuge seines verschmitzten Durchsetzungsvermögens wiewohl seiner kolossalen Arbeit: die Übersetzung des Talmud aus dem Hebräischen, die Neuinterpretation der Bibel (3x besser als Luther!). 2 große Autoren, beide wirkend in Berlin. Eine Ode an unsere Stadt, jedoch: „Mißtraut den Grünanlagen!“

Scheibe: „Männer, Frauen und Maschinen“/Gerhard Gundermann/Amiga 1988

Gundi auf seinem Erstling (klare Inselplatte!), nicht wissend, ob je noch Weiteres wird folgen können (am Ende sollten es 5 Alben werden), packt er hier schon alles rein, aber volles Erbe! Es handelt sich um nichts weniger als den Querschnitt der Welt und unsere Ohren lauschen einer unbändigen Leidenschaft zu leben, zu hinterfragen, zu verbessern. „Hundert Meter unterm Gras wartet die Maschine, daß ich ihre Hebel fass`.“ oder „…und das Teewasser kocht ganz umsonst.“ Heute liegt Gundi in HoyWoy.

Haben Sie schon einmal vollkommen bedingungslos geliebt? Na also dann.

[collapse]

 

Zeitung 2012

Eifersüchtiger Bub, der

Maya hi, Maya ho (beschwingte Balkanesen auf den Flügeln von Luftschiffen, Sie erinnern sich?)… Sie lesen, also sind Sie, nicht wahr.

Boxhagener bewiesen jüngst auf ihrem Jolka-Fest einmal mehr ihr feines Gespür und wählten aus ihrer Mitte den „Stoiker“ zum „Traktor-Spieler 2012“. Und womit? Mit Recht. Aber hoppla, es gibt noch weitere Neuigkeiten:

Neulich konnte man bspw. in den Gemächern Ihrer Sportredaktion ganz zufällig einen der 7 definitiven Weltsongs hören: „Jealous Guy“ – vom guten alten John. Der hat seine doch mittelmäßige Platte „Imagine“ 1971 von Phil Spector noch so richtig verhunzen lassen, aber nun ja: Was Lennon privat einst eifersüchtig machte, schafft der Umstand, nämlich infolge weißen Wetters nicht dem runden Leder hinterherjagen zu können, eben aktuell bei Ihrem Autor. Jedoch damit Sie, lieber Leserin, nicht gänzlich alternativlos bleiben, hier einige Hinweise bezüglich kultureller Verlustierungen:

Streifen: „Jeremiah Johnson“/R.: Sidney Pollack/USA 1972

Ein famoser Trapper führt die Langmesser durch Indianerland. Hätte er mal besser unterlassen, weil: flugs ward er seiner Familie entledigt. Also brennt in ihm die Rache und in Gestalt von Robert Redford (herrlich mit angemessenem Rauschebart – so eiern z.Z die Hipster über die Warschauer Brücke) springt unser Mann ins Hamsterrad der Vergeltung. Da hüpft er heute noch und muß so ca. 1x pro Monat einen Nativen um die Ecke bringen, schade. Winterwestern, Klassiker!

Scheibe: „Psychedelic Pill“/Neil Young & Crazy Horse/Reprise 2012

Daß wir das noch erleben dürfen! Billy Talbot verklebt seinen Baß mit Ralph Molinas Schießbude auf das Konsequenteste, Poncho schrammelt sinister auf seiner Halten-Zu-Gnaden-Klampfe und der Meister zieht knochentrocken seinen Stiefel durch. Opener (des 3fach-Albums) ist ein knapp 30minütiges Delirium („Driftig back“), mittig ragt ein (zwischen den 1-2 üblichen Quarknummern der Heulboje)  schnittiges „Ramada Inn“ heraus und dann final: „I wanna walk like a giant“! Onkel Neil steht im Bauch eines leeren Riesentankers und donnert mit dem Hammer an dessen Innenhaut – welch ein Klang! Und treibt aufs offene Meer hinaus. Ein Alterswerk, ein Abschied, ein Testament. Übrigens, die 4 Herren wollen am 2.6.13 in der Waldbühne sein, oben vorne.(?) So schön wird`s nie wieder!

Schwarte: „Immer noch Sturm“/Peter Handke/Suhrkamp 2010

Ach ja, Suhrkamp… Der Schreibende schaut mit dem Fernglas in seine Ahnengalerie. Zentrale Figur ist Vorfahr „Gregor“, der Obstbauer. Dieser Einäugige („Kommt`n Zyklop zum Augearzt…“) wird im WK II zum Partisanen, der sein slowenisches Kärnten befreit; und bald darauf in die Röhre starrt. – Peymann hat das Teil nicht auf die Bühne gebracht und Handke derweil ist der Titan der Buchstaben. Wenn Strommasten laufen… Sowas Genaues, Ziseliertes, Tiefes!  „…daß eure Wolverhampton Wanderers in die hinterletzte Spielklasse abwandern, mit der Roten Laterne bis zum Nimmerleinstag. Daß die Tottenham Hotspurs kalt abgeschossen werden und spurlos verschwinden. Daß Manchester United auseinanderfällt in Staubpartikel…“ Handke auch als Fußifan. Macht nicht jeden Dreck mit, ist bescheiden, ist Solitär. Recht so!

Sie fragen sich nun vielleicht, welche die restlichen 6 Weltsongs sind? Hier sind sie: „Racing in the Street“ (Bruuhtze), „Die Zukunft“ (Gundi), „Kathys Song“ (Paul Simon), der „Youkali-Tango“ (Kurt Weill), „Little wing“ (Jimi Hendrix) sowie natürlich „Es müssen keine Rosen sein“ – allerdings in der Kawwawersjohn von Regina Thoss. Nicht in die engere Wahl schaffte es übrigens „Fritz, der Traktorist“.

So, Freunde, halten Sie beim Potlatch immer schön Augenkontakt und legen Sie den Boskoop vorm Befüllen des Federviehs zweifelsfrei in Calvados ein.

…Maya hu, Maya haha! Ein Frohes Fest wünscht Ihr Theo Retisch; Boxhagen – Hotel Libau am 22.12.12.

 

Das Schwingen der Schwingstaaten

Traktoristen gratulieren ihren Genossen in Idaho & Iowa! Seiet nunmehr nicht mehr nur konservativ-vergnatzt ob der Zustände im Weißen Häusele, sondern -wie der Stäff hierzulande zu sagen pflegt- „Zieht Furche!“. Und ebenfalls gratulieren sie dem IbrahimovicZlatan, der über seine Zeit bei Barca mal meinte: „Ich und der Zwerg, mehr brauche ich nicht…“. So, und überhaupt soll gratuliert werden zum Herbst, den freien Gedanken und den gewichsten Töppen. Als kleine Versüßung finden Sie folgend (7.11.12) wieder einige Tipps zum gehaltvollen Zeitvertreib!

Schwarte: Alexander von Humboldt/“Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“/Eichborn Verlag 2004/ISBN: 3-8218-4538-4

„Die Vermessung der Welt“? – pah, zurück zum Original! Unser Neugieriger durchklettert Vulkane, Tempel & Pyramiden, seziert Hieroglyphen, Kalender & Reliefs, knattert den Inka-Trail entlang, dokumentiert Trachten, Brücken & Alltagsgegenstände; und macht sich seinen Kopp bezgl. der Bedeutung dieser Sache für die europäische „Zvilisation“.  Mit Handzeichnungen, liebevoll und detailliert – ein universeller Geist springt uns aus dem Jahre 1804 heraus direkt an. Nehmen wir volley! Übrigens: In Lateinamerika ist der Typ noch heute weitaus bekannter als in Hermannien selbst, traurig…

Streifen: „Die Olsenbande stellt die Weichen“/Nordisk, DK 1975/ R.: Erik Balling

„Ich habe einen Plan! Und zwar keinen gewöhnlichen Plan, sondern einen Fahrplan!“ Die kleinbürgerlichen Erzganoven Egon, Benny und Kjeld löten sich erst auf Malle zu, um wenig später in Kopenhagen die Züge hübsch durcheinander kullern zu lassen (Ihr Autor hat mal anno rückwärts eine Nacht auf Europas größtem Rangierbahnhof Mannheim auf der Lok verbracht, Jungejunge!). Die Beamten Brodersen und Godfredsen wissen noch einen guten Kaffe zu schätzen und die sauclevere Jugend kommt mit langen Haaren und Nickelbrille groß raus. Schönstens auch die Klartextrede von Yvonne zum Thema Pinke: „…und wozu hat uns das Millionärsdasein geführt? Zu Heimatlosigkeit, Verdauungsschwierigkeiten und Trunksucht!“ Jenau.

Scheibe: Willie Dunn/“The Pacific“/Trikont 1980

Willie ist indianischer Sänger und Filmschaffender vom Stamme der Mik`mak. Hat die See-Sehnsucht seines schottischen Vaters und die leuchtende Größe eines widerständigen Irokesen. Und eine Stimme, wie sie eindrucksvoller kaum noch zu suchen ist. Der „Sohn der Sonne“ belichtete die unrühmliche Geschichte der Hudson-Bay-Company und kann Songs von den Weiten der Prärien singen, dass einem ganz warm ums Herz wird. Und er faßt den Niedergang der Welt treffend so zusammen: „Ich bin ein guter Fischer. Aber die Gewässer sind verschmutzt.“ Noch Fragen?

 

Ab in den Schaukelstuhl – der Indianische Sommer ist da!

Während der „SV Traktor“ sich übermorgen im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eine neue Verfassung geben möchte und insgesamt derzeit die erste sportliche Saisonniederlage schräg äugend erwartet, können Sie hier ein paar Betrachtungen sich einverleiben und sind überdies aufgerufen, den Kampf gegen die Niedertracht, die Missgunst oder aber auch die eigene Unbeherrschtheit entschieden fortzuführen! Und DAS könnte dabei eventuell hilfreich sein:

Schwarte: Igor Newerly/“Das Waldmeer“/IVVW Berlin 1969/ISBN 3-353-00086-0

Äktschinn in den 4zigern! Abseits des 2. Weltkrieges im Mandschurischen muss sich ein polnisch-stämmiger stämmiger Waldläufer japanischer Schergen erwehren, eine Feuerzeichen sendende Partisanin erobern (nachdem ein Tiger dem „Dritten Ju“ den Kopf abgebissen hat – siehe neulich Kölner Zoo) und uns nebenher das Überleben in der Taiga erklären. Erklärt wird vom Autor übrigens ebenfalls die Bibel, sehr autäntüsch im Mittelteil des Buches, Zucker! Lui-Tsin, Tao und der Silberköpfige sind die Protagonisten und das Ganze ist ein herrlich lässiger Ostern – lyrisch, Herz hüpfend machend und etwas geheimnisvoll, na klar.

Scheibe: Oasis/“(What`s the Story?) Morning Glory“/Creation Songs Records 1995

Neulich vorm „Conmux“/Ecke Kopernikusstraße: „But don`t look back in anger – I heard you say“. Ein irischer Straßenmusikant schmetterte diesen Weltsong ins Boxhagen hinein und ein Passant meinte anerkennend spontan: „Ganz schwer zu singen, das Teil!“. Nun, wir nehmen dies zum Anlasse, an eine Eruption in der Musikwelt zu erinnern, welche die Gallagher-Brassas mit ihrer zwooten Platte damals verursachten. John Lennon hat sich ganz sicher einmal wohlig in seiner Kiste geräkelt… Zeitlos, versonnen und proletarisch.

Streifen: „Smoke“/R.: Wayne Wang/USA 1995

(Guter Jahrgang, der 95er.) Jeden Tag um 8 Uhr stellt Auggie (Harvey Keitel) seinen Fotoapparat in den Morgen und knipst. 365x im Jahr. Und natürlich ist jedes Foto anders, keines also gleich! Außerdem raucht Forest Wittäkka seine Zigarre mit einem putzigen Hilfsmittel, derweil allerorten Vatergefühle eine Rolle spielen und die schönsten Puros sprichwörtlich den Bach runtergehen – Schande! Ebenfalls wird das Rätsel gelöst, welches Gewicht wohl der Rauch hat. Was vermuten Sie vielleicht, na? Episch die ungeschnittene Schlußszene, als Auggie dem schriftstellernden Haupthelden (Alter Ego von Paul Auster), gespielt von William Hurt, seine Weihnachtsgeschichte erzählt. Da kommt die Kolportage, genuschelt bspw. auf dem Pfaffenstein, nicht im Ansatz mit (selbst wenn die Hörerin eine angeflehte Fürstin ist). Es geht also um Lügen und Wahrheiten, große Herzen und das Denken an sich. Damals, als man noch allüberall eine durchziehen konnte…

Übrigens: Empfehlungen Ihrerseits nimmt die Redaktion selbstverständlich gerne entgegen, zum Zwecke der Öffentlichmachung, gelle?! – Hotel Libau im September 2012

 

Eine Anekdote aus der Steinzeit – 30 Jahre alt; August 2012

Immer wieder kommt es zu behäbigen Kommentaren, selbstbewussten Forderungen sowie devoten Mahnungen auf dem Bolzplatz: Koohtsch, wie sollen wir spielen? Darf jeder, also auch ich, seinen Senf dazugeben? Oder: Ist nicht die Truppe wichtiger als du Pflaumenaugust an der Seitenlinie? – Solche und schlimmere Sachen eben. Und völlig ratlos verweist der Trainerstab auf folgende Zeilen, welche die Presseabteilung des Vereines der weinroten Agrar-Ökonomen aus Gründen der Ablenkung und programmatischen Verwirrung aus der Schublade just zaubern konnte:

„TRAKTOR OLE!“

Die Mannschaft hatte das große Ziel erreicht, den dritten Platz und damit die bronzene Medaille in der ersten Kreisklasse. Im Sportlerheim hatte Ernst zwei Girlanden gezogen und für die Frauen der Spieler sogar Wein besorgt. Die Tische waren in Hufeisenform aufgestellt. Der Übungsleiter klopfte ans Glas.

„Freunde! Wir haben unser Ziel erreicht! Das letzte Spiel gegen Tabak mit dem 11:3-Kantersieg wird uns unvergesslich bleiben. Aber es fällt auch ein Wermutstropfen in unseren Erfolgsbecher. Wir sind bei der WM in Spanien nicht dabei. Bernhard hat jeden Tag zwei Einheiten trainiert, Willy hat sich technisch so vervollkommnet, daß du Maradona glatt vergessen kannst, und Peter ist so schnell geworden – da hältst du Blochin für`n Ackergaul Alles umsonst! Der DDR-Fußball wandelt weiter in ausgefahrenen Gleisen, stagniert, entwickelt sich rückläufig, wenn in diesem Zusammenhang das Wort >entwickelt< überhaupt gebraucht werden darf.

Daß ihr mir auch für die nächste Saison das Vertrauen geschenkt habt, ehrt mich, ist es doch immerhin vier meiner Oberligakollegen entzogen worden. Auch die Frage, ob ich die Nationalelf trainieren würde, hat sich -nachdem alle Übungsleiter angesprochen wurden- durch Rudis überraschendes Jawort von selbst erledigt. Für uns ist wichtig, daß wir unserem Erfolgsstil treu bleiben. Das bedeutet: Nicht so spielen wie die Oberliga! Also keine Manndeckung! Kein Pärchenbetrieb! Keine Holzerei! Keine Provokationen! Kein Anti-Stürmer-Fußball! Mit diesem Oberligagehacke kann man vielleicht in den Großstädten die Bürger noch anlocken, hier bei uns aber, wo es etwas ländlicher ist, muß ein freudbetonter interessanter Fußball geboten werden. Bitte, liebe Freunde, erhebet euch von den Plätzen! Und stimmt mit ein: Traktor nullsieben, Traktor nullsieben – das ist die Mannschaft, die wir lieben!“

gefunden: Eulenspiegel 1982; aus der Feder von Edgar Külow geflossen

 

Zum Trainingsauftakt als haltloses Gewissen

Wiederholungstätige Traktoristen (Titelverteidigung im Sack) vollziehen Mitte Julei 2012 den scharfen Trainingsstart für die kommende Saison – herzlichen Glückwunsch! Und damit das mit Schwung, Takt und ein wenig fahlem Glanze untersetzt ist, hier die kulturellen Empfehlungen diesbezüglich:

Schwarte: „Buddenbrooks“/Thomas Mann/S. Fischer Berlin 1922

Das ganze Ding stinkt nach Lübecker Marzipan, ärks! Aber im Grunde isses nüscht als eine Seifenoper (das Format ist eben uralt) und man kann eine Familie bei ihrem Leben begleiten – Aufstieg und Verfall einer hanseatischen Vollkorndynastie. Libronovela quasi. Das mit Abstand am häufigsten vorkommende Wort ist übrigens „Kuranttaler“. Interessanteste These auch: „Jeder Kaufmann ist ein Betrüger!“ – Wie sehen Sie das? Die heimliche Hauptdarstellerin allerdings ist Sesemi Weichbrodt („Viel Glöck, mein Kend!“), welche als Kindermädchen durchaus alle geldgeilen Dunkeldröpse locker überlebt und ausnahmsweise mal nicht vom Familienoberhaupt geschwängert wird. Keine Angst übrigens vor dem Umfange, das Teil liest sich smofte weg…

Scheibe: „Long Player“/The Faces/Warner Bros. 1971

Allerfeinstes Vinyl -die englische Originalpressung (Cover!) erzielt mittlerweile lässig dreistellige Ablösesummen- aus einer Zeit, als man sich noch gehen lassen konnte und trotzdem alt wurde und heute als „Künstler“ gefeiert wird. Nur Ronnie Lane als Basser hat schon ins Gras gebissen, die anderen sind schlicht Legenden: Ron Wood (dessen Gitarrensaiten sind, wenn Sie genau hinsehen, tatsächlich aus Wodka) bspw. ist heute noch der „Neue“ bei den Stones, Ian McLagan unterstützt gerne mal olle Billy Bragg today und Rod Stewart pfeffert im dritten Teil seiner Shows als schottischer FußiFreak immer gerne mal Bälle ins Publikum. Muß sich aber aktuell fragen lassen, wann es wieder zum Derby im Ibrox kommt…

Beherztes Liedgut, u.a. auch je ein Song aus der Feder des McCartney-Paule und Big Bill Broonzy. Ehrliche RocknRoll-Arbeit, könnta euch wat abkiecken, ihr Pomputa-Räppa!

Streifen: „Moonrise Kingdom“/R.: Wes Anderson/USA 2012

Zack, zelten! Drunter und drüber geht es in diesem 6ziger-Jahre-Klamauk, nachdem 2 wunderbare Minderjährige einfach mal ausgebüchst sind. Schön gefilmt mit allerlei Filtern (und evtl. nachcoloriert?), schön gespielt von so manchem wirklichen Star (Eddy Norton, Bill Murray, Francis McDermond, Harvey Keitel, Bruhtze Willis etc. p.p.) und eindeutig beweisend, daß Wasser die größte Kraft hat. Filmfabel: Diejenigen von unseren Kindern, die wir nicht verstehen, sind immer schon längst weiter, als wir auch nur vermuten. Selten so gelacht über Tilda Swinton als „Jugendamt“! Zwei Bier vorher und dann ab dafür.

So, dies waren die brandneuesten Tipps in dieser beliebten Rubrik. An alle Balltreter jedoch: Nun aber ran an die Bouletten – ein neues Zeitalter beginnt just, da Sie, lieber Leserin, bei genauerem Hochblinzeln vielleicht einen Schatten über sich erkennen können. Jenen nämlich, welcher von großen Ereignissen voraus geworfen wird.

Halten Sie Traktor die Treue und freuen Sie sich mit Ihrer Sportredaktion auf das Große Feld! Und feiern Sie spontan den heutigen französischen Nationalfeiertag mit – in jeder Stadt gibt es eine Bastille, die man stürmen kann…

 

Interpretation eines Berliner Gedichts

Über jeden Wäschezettel von Schiller, über jedes Fragment eines Goetheschen Briefes wurden von den zünftigen Literaturforschern ganze Wälzer verfaßt. Wer aber hat sich bisher schon der Mühe unterzogen, ein Produkt echt berlinischer Poesie zu deuten und durch die Beleuchtung vom kunstästhetischen Standpunkt in die Sphäre der höheren Dichtung zu erheben? Da es bisher niemand unternommen hat, will ich damit beginnen und das im folgenden wiedergegebene Poem interpretieren:

„Ick sitze hier und esse Klops,

uff eenmal klopp`s.

Ick staune, kieke, wundre mir,

uff eenmal jeht se uff, die Tier.

Nanu, denk ick, ick denk`: Nanu,

jetzt jeht se uff, erst war se zu!

Und ick jeh`raus und kieke,

und wer steht draußen?…Icke!“

Zeile 1: Mit naturalistischer Anschaulichkeit werden wir in medias res geführt, und plastisch entsteht vor unserem geistigen Auge eine Szene, wie sie ähnlich in den Regieanweisungen der Hauptmannschen Dramen zu finden ist. Der Hinweis auf das beliebte Berliner Nationalgericht ist für die Folkloristen von besonderem Wert.

Zeile 2: In die breit angelegte Milieuschilderung der ersten Zeile bricht jetzt mit Allgewalt das Schicksal von außen herein. Sprachlich besonders beachtlich ist der völlige Gleichklang der Endreime der ersten beiden Zeilen, eine metrische Erscheinung, die in der Dichtkunst nur selten vorkommt!

Zeile 3: Hier bewundern wir den Sprachreichtum des Berliners, denn „staunen“ und „wundern“ sind Synonyma, und auch das dazwischenstehende, dem Plattdeutschen entstammende „kieken“ ist sinnverwandt mit den anderen beiden Verben.

Zeile 4: Wieder eine Zeile, in der jedes Wort von echter, unverfälschter Mundart zeugt. Die Spannung, die bereits in Zeile 2 im Leser erzeugt wurde, erreicht durch die neue Situation der aufgehenden Tür ihren Höhepunkt. Wir erleben hier die Peripetie der antiken Tragödie!

Zeile 5: Jetzt verläßt der Dichter, mitgerissen vom Schwung der sich überstürzenden Ereignisse, die epische Darstellungsform und wird hochdramatisch, indem er sich als Erzähler sprechend einführt. Außerdem bedient er sich hier einer ganz besonderen Form, des sogenannten Chiasmas, worunter Wörter oder Sätze verstanden werden, die man mit gleichem Erfolg von vorn wie von hinten lesen kann. Walther von der Vogelweide hat dieses Ciasma bereits in seinen Liedern angewandt. Aber unser Dichter hat mit drei inhaltsreichen Wörtern, die er chiasmisch vorbringt, mehr als eine bloße Versspielerei geben wollen. Er will uns das Wunderbare und seine Wirkung auf den Menschen so eindringlich darstellen, wie nur irgend möglich, er will es in unser Gedächtnis durch diese dreifache Wiederholung einhämmern!

Zeile 6: Noch einmal, um ein retardierendes Moment in die Dichtung zu bringen, werden scharf umrissen und plastisch die beiden vorausgegangenen Situationen gegenübergestellt.

Zeile 7: Je mehr wir uns dem Ende des Gedichts nähern, umso lebendiger, dramatischer, ja, man könnte sagen, energiegeladener, steigert sich die Handlung. Während sich bis zur 6. Zeile der Dichter dieser erschütternden Lebensbeichte zum Einbruch des Schicksals eher passiv verhält, ändert sich jetzt diese, seine Lebenseinstellung. Wie von unsichtbaren Mächten getrieben, verläßt er die in der Eingangszeile dargestellte geruhsam-genießerische Grundhaltung und nähert sich dem kaum geahnten Unbekannten hinter der Tür (Der Psychoanalytiker findet sicherlich in diesem Werk mit seiner Symbolsprache genug Anregung für tiefschürfende Forschung!).

Zeile 8: „Das Unzulängliche, hier wird`s Erlebnis!“ möchten wir mit Goehte sagen. Jetzt, nachdem die Spannung des Lesers ihren Höhepunkt bereits überschritten hat, kommt die Lösung des Problems. Durch die fragende Form, diesmal in reinstem Hochdeutsch ausgedrückt, wird noch einmal die Fabel zusammengeballt. Welche Fülle von Gedanken steckt allein schon in den der Frage folgenden Pünktchen! Wir erleben schaudernd das Dämonische, Übersinnliche, Surrealistische dieser Begegnung zwischen Tür und Angel. Und dann wird unsere bange erwartungsvolle Spannung endlich gelöst durch das inhaltsreiche Wörtchen „icke“, die berlinische Formulierung des antiken „alter ego“, des Doppelgängermotivs, des mystischen zweiten Gesichts. Hier bricht leider die Dichtung ab und überläßt es der Phantasie des geneigten Lesers, sich die weiteren Auswirkungen der Konfrontation des klopsessenden Berliners mit seinem zweiten Gesicht auszumalen!

Quelle: Edda Prochownik/“Da kiekste, wa!?“/Berliner Reminiszenzen; Hauge & Spener/ISBN 377590462-X

Boxhagen, 23.04.12

 

Unterm Osterstrauch gefunden – für Freizeitballtreter!

Wurde an dieser Stelle letztens noch von den „leeren 8zigern“ palavert, so möchten wir trotzdem darauf verweisen, welche vielleicht dann doch herausragenden Momente diese Dekade hervorgebracht hat. In den Zeiten der Herrschaft von „grauen B-Filmhelden“ in Washington und Prohibition in Moskau bspw.!

 Scheibe: Bruce Cockburn/“Steeling Fire“/High Romance Music Ltd./1984

Blatt weg vorm Mund: Es wird nur „mit vorgehaltener Knarre verhandelt“ – endlich mal die Wahrheit, manno! Der smarte Kanadier besingt u.a. die Umwälzungen in Nicaragua und schippt eine Pop-Perle nach der anderen aus dem Frust-Bassin. „Hätte ich einen Raketenwerfer…“, diese und noch eine Kawwaversjohn („Cuba“) hat übrigens der gleichfalls erwähnenswerte Gundi Gundermann gemacht, nicht ganz frei von einer gewissen Militanz. Die Platte atmet den Klang dieser Zeit – unterkühlt, selbstsüchtig und bipolar. Texte aber sind bretterhart und das Ganze also authentisch! Heute hat ja kaum ein Künstler mehr die Chuzpe, politisch zu sein. Und zu sagen, was gesagt werden muß. Und, ja: Fußballer sind auch Künstler!

Streifen: Ete & Ali/R.: Peter Kahane/DEFA 1985

Die Fahne und Du! 2 Jungs haben nach dem Abkohlen Orientierungsprobleme. Im flotten Osten. Die Dialoge sind schlicht brillant und wir erinnern gerne unsere Jugend eigene dabei! Schüttauf ist mittlerweile im Meehnstriehm angekommen (dreht aber gerechterweise schon noch herausragende Filme) und Putensen tingelt heute noch über die Dörfer. Und fragt ihn sein Piano, wenn er selbiges von der fahrbaren Pritsche zieht: „Und was nimmst du in die andere Hand, häh?“, so steckt er jene dann in seine Westentasche, in der sich die halbe Welt befindet. Wenn Sie sich aber sicher sein wollen, Ihre Adoleszenz jetzt wirklich hinter sich gelassen zu haben, müssen Sie das Ding gesehen haben, isso! Und einmal kullert sogar ein Ball durch das Bild.

 Schwarte: Tomi Ungerer/“Die Gedanken sind frei“/Diogenes 1993

„…ich werde der Wanderer sein.“ Hat dann ganz federnd die 80er umrundet – der große Karikaturist beschreibt hier seine Kindheit im von den Nazis besetzten Elsaß. Wunderlei Original-Dokumente gibt es zu bestaunen, mehr aber noch den freien Geist dieses Mannes, der heute, steinalt, von sich sagt: „Ich lebe in Strasbourg und Irland, immer mal abwechselnd. Beides ist Heimat und ich pendele zwischen zwei Stühlen. Ich habe also guten Stuhl-Gang“.

Den wünscht nun Ihnen, liebe Kicker, Ihre Redaktion auch – jetzt, wo doch die Meisterschaften entschieden werden! Glückauf – 8.4.12.

 

Aus der Traktor-Märzkiste `12 – zum Stöbern

Heute geht es, neben Patagonien, um den tiefsten und schönsten Flecken der Erde – die Mongolei! Es graben nun die Zerstörer dort nach Kohlen, Metallen oder Seltenen Erden, wo früher das tägliche Murmeltier die Hirten und Jäger grüßte. Letzte Eisenbahn, die Sache ein klein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen!

Schinken: „Auf den Spuren der Nomaden“/R.&K.: Tim Cope/Aus 2009/DVD

Der Junge hat Charakter! Mr. Cope absolviert in dieser mehrstündigen Doku die 10Mille Kilometer von den Steppen bis zur Donau ganz alleine. Nur die Pferde und später der brave Hund Tigon sind seine Begleiter. Nicht Begleiter – Lebensretter! Altai, Kasachstan, der Aral kleine bis hinter die Karpaten, so stehts auf dem Kompass. Bei Wind und Wetter. Er kaut getrocknetes Hammelfleisch, sucht ständig Wasser und Gras und trifft sogar manchmal Menschen. MENSCHEN! Und eines Morgens hat er den Dreh raus, wie die mongolischen Reiterhorden ihren Überraschungsmoment gewährleisteten beim Angriff damals: Man nehme 2 schlaflose Tage und Nächte, reite stramm, esse wenig, setze sich den Lichten aus und verfalle sodann in Trance. Bei Durst ritze man schelmisch die Vene seines Gaules an und bechere einzwei Tässchen. Und dann hoppigaloppi…

Kommt gerade in der Flimmerkiste und muß man weitersagen! Und bloß nicht hinfahren!

Scheibe: Okna Tsahan Zam/“A Jorney in the Steppe“/Universal 2005

Welch ein bekloppter Name für ein Meilenstein-Album und Freund Okna darf hier unter „Chaman Voices“ reüssieren. Egal: Tim (s.o.) trifft in Kalmykien diesen Bär von einem Mann. Der verfällt ganz bei sich in den betörenden Kehlkopf-Oberton-Gesang, spielt artig sein Zupfinstrument dazu und erzählt von den Wolfswinden. Ist nicht etwa „Weltmusik“, sondern Weltmittelpunktmusik. Hat in Ulan-Bator, leicht angepoppt natürlich wegen der Massentauglichkeit, sämtliche Hitparaden gestürmt. Wahr.

Schwarte: W. Jan/Dschingis Khan/KiWi 1977

Und wem der historische Kontext noch fehlt, der lese von der militärischen Organisiertheit des schnellsten Heeres aller Zeiten, das unter der Ägide des beinharten Kaziken Tsengis das größte Imperium schuf. Der Autor flaniert auf der Erzählweise der Romane von Zweig und Feuchtwanger, fesselt aber unter Garantie ihren 11-jährigen Filius! Sehr plastisch, nicht zu hart, aber bunt. Allgemeinbildung; gibts noch Fortsetzungen…

Übrigens, der Traktor ist nicht der Nachfolger des Pferdes. Das nämlich ist die Wurst und um die gehts ja schließlich. Im letzten Frühling der Menschheit. Gehaben Sie sich wohl!

[collapse]

 

Zeitung 2011

Boxhagener Weihnachtsgeschichte 2011

„Schere im Bauch“

Henrihorst gähnte. Früher hatte er vorzugsweise vor und während Prüfungen gegähnt. Es war so eine Art innerer Spannungsaufbau, nur mit umgekehrten körperlichen Vorzeichen, den er dann praktizierte und eine gewisse Irritation oder sogar Antipathie bei den Prüfern musste er also in kauf nehmen immer.

Henrihorst Pachulke gähnte. Sehr häufig in letzter Zeit und da er sein Leben in einem exakten Trott absolvierte, konnte es nur das Leben selbst sein, welches ihn nun prüfte.

Er besah sich die Fakten: unter seinen Kollegen an der Berufsschule galt er mit seinen knapp 50 Jahren als Jungsspund. Er verachtete seinen Schmerbauch nicht und ging stets zu Wahlen. Die Kinder waren wohlgeraten und die Gattin war das früher. Die Beerdigungen hielten sich noch in Grenzen und bis vor kurzem hatte er Fußball gespielt. Was also bedeutete das Gähnen?

Er überprüfte die Grenzbereiche: schwer nur konnte er sich beispielsweise in die Lage bringen, eine Powerpoint-Präsentation vorzubereiten und im Klassenraum hatte er dann Mühe, das Kabel an den Rechner zu stecken. Auch trug er seine Garderobe vielleicht ein wenig zu lange schon, die Patina verriet es: Abgeschabt und ungeflickt die Säume baumelten die Sakkos irrlichternd an ihm herum, Schuppen lagen auf den Schultern. Ebenfalls ließ sein Sexualverhalten bei genauerer Betrachtung doch arg zu wünschen übrig und möglicherweise hatte er sich schon eingerichtet und arrangiert damit, seine Triebe erlöschen zu sehen. Auf Massenveranstaltungen, also Kollegiumskonferenzen, Geburtstagen und Weihnachtsfamilientreffen, mutierte er zum Beobachter: vage beteiligte er sich an kleineren Gesprächen nur, üblicherweise ging er aalglatt durch den Abend und er vermutete, dass seine Anwesenheit eigentlich kaum jemandem aufgefallen sein sollte. Auch verweigerte er sich recht konsequent den neuesten Errungenschaften der Technik, von denen seine Kinder immer noch dachten, dass sie kostenlos seien: sein Telefon zierte ein steinzeitliches Antlitz, er kaufte nie im Internet. Die Flimmerkiste lief in ihrem zweiten Jahrzehnt, es gab noch Bügeleisen und Rotlichtlampe plus Wärmflasche. Also: was wollte ihm das Leben jetzt sagen?

Obwohl, es fiel ihm auf, dass er schon einige Regeln nicht mehr beachtete und auch sein Enthusiasmus sich auf prinzipiell niedrigstem Niveau befand: So hatte er aktuell mit den Kindern gedealt, dieses Jahr auf den Kauf einer Tanne zu verzichten und stattdessen die Palme mit weihnachtlichem Dekor zu schmücken. Nicht etwa aus Geiz, sondern aus Bequemlichkeit. Eine erste dunkle Ahnung kroch in ihm hoch.

Ja, früher hatte er so manchen Korken rausgehauen! Zum Beispiel im Krankenhaus Kaulsdorf, als man ihm nach 3 Tagen mit 44° Fieber doch endlich den Appendix herauszupfte und er einen ekelhaft altklugen Drittklässler als Zimmergenossen hatte. Dieser schnöselige und besserwisserische Plapper-Kevin bekam zudem jeden Tag einen Haufen Besuch und er, Henrihorst Pachulke, doch eher selten. Aus Rache hatte er dann der Pissnelke eines Abends erzählt, die Ärzte hätten bei der OP eine Schere in dessen Bauch vergessen. Das saß natürlich und es war herrlich ruhig die Nacht. Allerdings gab es einen Morgen und der Stift petzte es allen: den Weißkitteln samt Schwestern, der Putzfee und natürlich seiner Sippe. Henrihorstens Popularität in öffentlichen Kreisen war ja nie sonderlich groß gewesen – hier sank sie auf der Skala „0 bis 10“ auf minus 8 und so schnell gesund wurde er wohl noch nie. Aber es war ein Korken gewesen und noch heute feixte er wohlig seines Erfolges wegen gegenüber dem Rotzlöffel! Oder: Sie brauchten früher („früher“: da was es wieder, das Wort aus dem Neandertal!) 5 Mark und trampten in Turnhose und nur mit der Zahnbürste als Gepäck nach Usedom. Dort ernährten sie sich von ScomberMix und viel Bier und die Weiber pinkelten weit nach Mitternacht mit wehenden Röcken immer die Feuer aus. Es war so einfach, so selbstverständlich, so unkompliziert. Hah! Andererseits -und hier sank eine graue Traurigkeit in seine Seele- das war lange her und sein letzter „Erfolg“ war die Anmietung einer schönen Wohnung in den Helene-Höfen. 1992. Die Gryphius runter, mit der Straßenbahn die Boxhagener querend, kam man schnell zum „Publicity“ in der Jungstraße, einer kleinen irischen Spelunke, in der sich damals die Halbwelt traf. Hier erstand er teure Branntgerste und pflegte eine Männerrunde. Auch die gab es längst nicht mehr. Heute war er einer der älteren Einwohner, junges spanischjapanischenglisches Leben huschte an ihm vorbei und er fühlte sich entwürdigt…

Erschrocken stellte Pachulke jäh fest: Ich hänge durch! Nichts bewegt sich mehr, es gibt höchstens noch die Illusion des Lotto-Scheines. Keine Neugier mehr da, keine Sehnsucht! Tiefe Leere, lahmer Alltag! Desinteresse am Welthunger und an Weltkriegen, lustloses Ausklopfen der Fußmatten an der Tanke. Keine Pflege der Beziehungen, keine Fortbildungen mehr. Henrihorst war im Zentrum seiner mitteldeutschen Mittellebenskrise angekommen – um nicht weniger ging es also, das wurde ihm augenblicklich klar und er gähnte lange. All diese Kinkerlitzchen aus den anspruchsloseren Medien, Horrorskop-Orakel, alle trafen sie auf ihn zu! Tja, wenn die Zufriedenheit nicht mehr weiterzuentwickeln war, wenn man weiß, man hat es verkackt…

Heute war der 22.12. und das bescheuerte Weihnachts“fest“ stand an. Er wusste noch nicht einmal, was er kochen würde. Und er ertappte sich bei Fluchtgedanken: Was wäre, wenn… Aber nein, die Konventionen! Nein. Er gähnte.

Doch. Ich könnte abhauen, mich in den Zug nach Karlory Vary setzen und ein tagelanges Thermalbad nehmen. Ich würde mir eine Pediküre machen lassen, eine Maniküre auch, ich würde lesen und schlafen. Ich wäre der eigentliche Henrihorst Pachulke wieder, der frühere Draufgänger, der intellektuelle Vagabund, der närrische Hobo, der Stadion-Schläger, der Heroin-Drücker und Austern-Schlürfer.. Ich hätte 4 Frauen bis Budapest unterm Arm und jonglierte nur so mit den Kreditkarten. Ich würde in dem Film meines Lebens die Hauptrolle spielen…

„Spielen“? Pachulke stutzte. Moment, er würde vielleicht doch nicht abhauen, denn er entsann sich eines Treffens vor vielleicht drei Monaten, als ihm ein alter Kiezkumpel, verschwörerisch auf seinen Bauch zeigend (O-Ton: „Mensch, kuhle Wampe hastejaschon, waejh?“) anbot, doch mal beim Fußball wieder vorbei zu schauen. „Traktor jibbet, haste deine Sambas noch?“ Henrihorstens Blicke haschten Zeiger auf seinem Taschenchronometer. 19.53 Uhr, verdammt. Donnerstagabend. Das könnte es sein. Entschlossen schwang er sich auf, suchte seine Sportsachen zusammen und griff, in der Annahme, dass es doch bestimmt eine dritte Halbzeit geben würde („Tagung“, zwinkazwinka?), seine Stäbchen. Draußen traf er sich mit einem kalten Wind und über Boxhagen lag eine merkwürdige Stille. Indem er losstapfte, überlegte er noch, was für ihn infrage käme, wenn sich nachher herausstellen sollte, dass er zu langsam mittlerweile geworden war. Dann mache ich vielleicht Vereinsarbeit, dachte er so bei sich. Spiele ich eben nicht mehr. Trolle ich über die Plätze und mache, was ich kann. Powerpoint-Präsentationen, ähtsch.

Er war aufgeregt. Schnee zitterte gemächlich an den Laternen vorbei und betäubte den Asphalt. Er spürte einen Augenblick lang einen unendlichen Frieden in sich. Na klar: Der Fußball ist nicht etwa nur der traurige Ersatz für die verloren gegangene Jugend – nein: er ist die Möglichkeit, alt zu werden und jung zu bleiben! Den Dreh musste man erstmal raus haben! Die Männer seines Alters neigten doch öfter zu ziemlich groben Fehlern, das hatte er schon beobachten können. Sie fingen beispielsweise damit an, die Frau(en) zu wechseln, konnten es nicht mehr „zu Hause“ aushalten, waren kaum mehr in der Lage, ihren Spieltrieb vernünftig zu steuern. Sie agierten diffus im Alltag, übernahmen nur noch klitzekleine Verantwortungen und sehnten sich nach viel Ruhe mit Freunden, Pilsener und Bouletten. Da machte er aber nicht mehr mit! Er, Henrihorst Pachulke, wollte nicht in dieses schlaffe Sein hinüber gleiten, wo er mit 50 noch in Kneipen ginge, um mit anderen Wiederkäuern Rasensport zu glotzen und im Grunde nicht wusste, ob er nicht irgendwann einsam und unbekannt in seiner Buchte sterben würde und niemand es mitbekäme. Nein, ich halte zur Fahne! Ich erinnere mich an mich! Schon alleine wegen des Verwesungsgeruches – Gott, die armen Nachbarn!

Und wie er sich so mit Überzeugung zuadrenalierte, tauchten rechts und links aus dem Dunkel Leute auf, die er alle schon lange nicht mehr gesehen hatte. Meine Mutter schmiert die Butter -Wismarplatz, Seumestraße- immer an der Wand entlang! Sie vereinigten sich stillschweigend zu einer beachtlichen Masse und einer hatte dann den Schlüssel parat.

Henrihorst Pachulke gähnte. Band die Senkel, knallte die Haftschalen rein und spielte. Und verabschiedete sich später allen Ernstes, leicht lallend, mit: „Fröh-höliche Weihnacht!“

 

Der Rum-Topf ist offen

30.11.: Seit Ende Mai zog, was jetzt reingezogen werden kann. Und das kommt dabei heraus:

Ein blonder Gladbacher Bube wurde gestern in einer Tag- & Sonnenaktion ganz vorsichtshalber vom Traktorvorstand verpflichtet und ebenso gleich wieder zurückverliehen. Damit der dem Wurstfabrikanten nicht in den Schoß fällt. Wie finden Sie das? Wir finden, so sieht gelebte Solidarität aus! Und damit Sie vor lauter Baffsein nicht ihre nikolausigen Bestellungen vergessen, hier die lieb gemeinte Hilfestellung:

Schwarte: Hansgeorg Stengel/“AnnasusannA“/Eulenspiegel Verlag Berlin 1984/ISBN 3-359-00013-7.

Was haben die Worte „Uhu“, „Ebbe“, „Reittier“, „Kajak“, „Retter“ und „Rentner“ gemeinsam? Oder was fällt Ihnen auf, wenn ein Schuldompteur in einem Anflug von einem „Dienstmannamtseid“ mit „Rotkern, Rektor“ unterschreibt – z.B. einen Tadel wegen ungenügendem Verhaltens bei der Fußballsportstunde Ihres Filius? Oder der Kosake jubelnd schreit: „Rum am Amur!“ Am allerschärfsten der hier: „Eine treue Familie bei Lima feuerte nie.“

Na, Groschen gefallen – hat`s klack gemacht? Alle diese schönen Buchstaben bilden nämlich so genannte Palindrome. Pendelworte und -sätze. Kann man vor- UND zurücklesen. Ergötzlich! Meister Stengel nimmt uns mit auf eine Reise über die Klettergerüste des Kommunikationswesens und Blitze der Erkenntnis zucken durch unser Sprachzentrum. Spielerisches Formen der wichtigsten Nicht-Materie. Das bringt uns zum Schmunzeln und ist zudem gesund. „Aha!“

Streifen: „Menschen am Sonntag“/Dt. 1930.

Klassiker! Die beiden Regisseure Billy Wilder und Fred Zinnenmann haben später Hollywood gerockt – hier geht es präneorealistisch um Berliner Authentizität. Szenisch, collagiert, konzentriert und halbdokumentarisch-sachlich. Mit herrlichen Bilder aus dem Westteil der Stadt (ja, warum nicht?) und von Wassern. Gefilmt immer am siebten Tag (weil der frei war), weißschwarz; gehört ins Archiv des gesellschaftlichen Bewusstseins. Gibt`s auf DehVauDeh.

Scheibe: Pearl Jam/“Riot Act“/Epic 2002.

Eines der am meisten unterschätzten Alben! Kommt doppelt daher und hat wie immer die haptische Komponente inklusive: Liebevoll gestaltet mit dickem Textbuch plus Studio-Session-Fotos. Achten Sie auf die erkleckliche Anzahl der Zupfinstrumente und die Dicke der Teppiche, bitte! Vedders Eddie samt Combo (McCready, Gossard, Ament und Cameron) in launischer Höchstform. Herausragend hier Lied Nummer 7 mit einer sensationellen Bass-Trommel. Die legt sich wie ein antrittsstarker Rioja um die Seele und rührt Ihre längst verdrängten Stärken wieder auf – Mutmacher! Und wenn dann noch Giant Sand und Wilco sich dazu gesellten, könnte niemand anderes Beethovens Neunte besser bringen. Bad hier it werry laud, pliehß! Uff winühl aber, sonst wird’s nüscht.

Sport frei!

 

Der Weg des Kriegers

Letzten Montag (7.11.11) im Schönen Hauffgrund, Mittelkreis: Die KrachBummEnte eröffnet den Trainingstraktoristen ihre Demission (kuuhl bleiben, nur als Funki)! Abgang, Rückzug – wie Sie möchten. In einer kurzen Erläuterung bedankt sich der Meistertrainer 2011 bei seiner Truppe und verkündet, nunmehr der 32er als Spieler zur Verfügung zu stehen. Das ist natürlich zuallererst eine schlechte Nachricht für die Liga-Mitwettbewerber der mittleren Altersklasse. Aber was beinhaltet dieser Schritt wirklich?

Zunächst einmal: der Kollege hat mehr Zeit für Familie und Beruf. Und das ist ja das vorrangige Ding bei Freizeitballtretern, nicht wahr? An dieser Stelle muss jedoch dringend an die Persönlichkeit der KBE erinnert werden und ihre Gabe, den Traktoristen eines immer mit in den Kampf gegeben zu haben: „Ihr seid wer und ihr könnt watt!“ So wuchsen die Weinroten dann oft über sich hinaus und etablierten eine mannschaftliche Geschlossenheit, wie sie ligaweit bewundert und gefürchtet war. Und ist. Und für den einen oder anderen war ihr Koohtsch (dessen Bruder hielt dem organisatorisch zuverlässig den Rücken frei) schon so etwas wie ein Idol. Das musste zwar nicht sein, aber Ärger sollte man möglichst auch nicht mit dem gehabt haben. Jedenfalls die Fachkenntnisse und die emotionalen Lavaströme vermengten sich in diesem Manne zu einer ungeheuren Kraft. Und die kam an den Waden der Boxis pünktlich immer wieder heraus. Dafür der Ente einen „Dank“ auszusprechen käme dem Versuch gleich, Obelix eine Wachtel anzubieten. –

Es gibt eine zweite Ebene: die „Traktor“-Mannschaft wird also in ihre Selbstständigkeit entlassen – ist momentan mit Orgboss (Hurricane) und Sportschäff (Herr Pupetta) bestens aufgestellt. Hat sich diesen Herbst schon verjüngt, entwickelt und ausprobiert. Ihre abhängige Presse hält diese Zustände nun des Erwähnens für würdig und blickt versonnen und versponnen ins Futur…

Und so praktiziert der SV einmal mehr und völlig geräuschlos eine Entwicklung, wie sie bisher noch in jeder Etappe dem Anspruch von Boxhagen gerecht wurde: „Die richtigen Männer auf den richtigen Posten zur rechten Zeit!“ Nicht zuletzt deswegen dürfen die Weinroten übrigens ihr 5. Jubiloleum feiern dieses Jahr. Und machen das auch und ausgiebig und zusammen! Von gerader Panke bis Krumme Lanke, von Hacke bis Nacke. Innerhalb ihrer „Uuhps, wie dittit ägänn!“-Tournee.

Hotel Libau, 11.11.11 (Uhrzeit lassnwama!) – Ihr Theo Retisch

 

Wir sind alle Griechen!

Aus der Traktor-Truhe – gegen die Trübheit (es lebe der November 2011!):

Schwarte: Erwin Strittmatter/“Lebenszeit“- ein Brevier/Aufbau 1987/ISBN3-351-03001-0.

„Man soll den Stab nicht über jemand brechen, der noch nicht Amen gesagt hat. Das Leben bewegt das Lebendige und das Tote unaufhörlich: jede Minute sind Überraschungen möglich.“ Recht so, Erwin! Und deshalb respektieren wir heute vorrangig Urheber- und Persönlichkeitsrechte nicht mehr und können jeden anpflaumen und uns selbst aufspielen als Wichtigtuer, ohne etwas Wirkliches geleistet zu haben. Im „Fresse-Buch“.

Scheibe: Silver Jews/“Lookout Mountain, Lookout Sea“/Drag City 2008.

Ja, wenn die Elefanten sich von den hohen Klippen abseilen! Dann ist das nicht mehr „Country“ genannte weiße reaktionäre Farmer-Kacke, sondern elegisches vertontes Purpur und ein jeder Freizeitballtreter darf während des letzten Songs „We could be looking for the same thing“ (Achtung, Slogan taugt zur Projektarbeit!) in sein Morgen tanzen. Und die Füße schwellen ab, Knie schließen sich wie von alleine, das Kind darf ein langes Vollbad nehmen und die Liebste ist sehr in der Nähe… David Berman schreddert den Boden seiner in einem Stahlarbeiter-Kindergarten durcheilten frühmusikalischen Erziehung und holt mit bescheidener Geste den rostigen Nagel des Bluegrass heraus. Handgemacht, direkt, weltlich.

Streifen: „Harold & Maude“(auf Empfehlung des TrosinaStäff)/R.: Hal Ashby, 1971.

Da ist alles drin: Zischeln auf der friedhöflichen Orangerie, unfreiwillige Unterarm-Tattoos, erstes und einziges Live-Harakiri überhaupt (!), Berittene mit drei Eiern („Ja, die Polizei. Immer will sie ihre Spielchen machen!“), Schneeriechmaschinen, die beste Pro-Kriegsdemo, Jaguare unterm Schweißgerät und: eine verstörende, sich selbst aber zulassende und dann Kopf stehende Liebe. Einige Pillen machen dem ein angekündigtes Ende (denn der Tod gehört zum Leben – nicht wahr, Frau Gordon) und man möchte immer wieder mitflennen. Bisher 18x. Mit Mugge von Katze Schtehwens (Kobolze sind zugelassen!) und dem Aufruf zum Weitermachen. Wenn Sie denn schon erwachsen sein wollen.

 

Am letzten Septembertag 2011: Traktors Zwoote wird auf Eis gelegt!

Warum? Weil die Personaldecke nach den Brüchen und Bandscheibenkapriolen (Ali und Günther) noch dezimierter wäre, weil einige Studenten mit anderen Kontinenten liebäugeln, weil -ganz einzelne- noch immer nicht verstanden haben, wie man in der Traktor-Rüstung sich verhält und weil viertens die Changiererei zwischen den Mannschaften des Vereines noch nie als optimale Lösung angesehen wurde. Derart ist die Zwoote zwar numerisch mit einem halben Dutzend noch „voll“, hat aber als wettkampffähige Konstruktion keine Perspektive (jeder Souverän im Kleinfeldballtreten weiß, daß eine Mannschaft für eine Saison doch eher 12-15 Leute umfassen sollte). So wird also in Boxhagen nach gut 3 Jahren mit allerlei Spaß und Entwicklung eine Traktor-Abteilung geschlossen. Nicht ohne daß ein jeder Traktorist eine selbstverständliche Perspektive hätte: werden doch die anderen zwei Truppen (Traktor und die 32er) mit diesen Kämpfern bestückt. Ein Dank geht also an die Männer um den Garrincha, die Schildkröte und den Zonk! Und: die Geschichte stoppt lediglich…

Die sportliche Leitung der Weinroten bedauert diese Entwicklungen und möchte bei den Mitwettbewerbern (LL 1) um ein klein wenig Verständnis bitten. Und denen alles Gute wünschen.

Übrigens hier noch ein cineastischer Tipp: Jemand, der scheinbar nichts geworden ist im großen Kicksport, aalt sich heute im Känguruh-Fleisch und hat Krokosandaletten an…

Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen/Aljosch Pause/2011:

Die Doku begleitet Thomas Broich durch Höhen und Tiefen seiner Fußballerkarriere, auf dem Platz und privat. Die Kamera folgt Broich 9 Jahre lang. Der Individualist am Ball scheitert an autoritären Trainern, die mit seiner spielerischen Genialität wenig anfangen können. 2009 will Broich aufhören. Da macht ihm der Verein Brisbane Roar aus der australischen Liga ein Angebot… Für alle, die immer noch glauben, das Profi-Balltreten wäre anzuhimmeln und für jene, die leider glauben, es gäbe für Probleme keine Lösungen. Sehr real – der Broich könnte neben dir wohnen. Musst du jetzt aber Aussie werden.

 

Julei 2011 – die Platte für die Ewigkeit!

…oder der Soundtrack von Traktor:

Declan de Barra/“Fragments, Footprints & The Forgotten“/Black Star Foundation 2010.

Mit ocker-türkis entzündeten Augen, mit Stimmbändern, an denen Hektoliter Moonshiner und Guinness vorbei schon gerauscht sind, oktavensicher, leicht überanstrengt und etwas zu vordergründig – aber vollster Inbrunst: so schmettert Declan aus sich heraus jegliches, was er hat. Und den Rest der Sehnsucht aller Völker: Über den Widerstand und den Kampf in die Freiheit! Ungeheuerlich. Diese Kraft naive, dieser Mut todgeweihte! Alles flirrt, alles hastet, alles verbrennt. Alles gebend, nur das Nötigste nehmend. Oh Declan, oh Declan! Gott, wenn das noch Kontur und Richtung bekommen würde! Der machte aus jedem Kamm ein Akkordeon und dann wäre der Diamant nach dem Schleifen schon in Antwerpen gelandet.

Ungefähr so könnte man auch die Spielweise von Traktoristen aus Boxhagen in diesem Frühjahr beschreiben. Nicht wahr. Anarchistisch, total, eustressig. Potenzielle Fußgranaten.

Unser gälischer Barde übrigens zitiert nicht nur Robert Dwyer Joyce (mit dessen Epos „The Wind That Shakes The Barley“ – klackklack: Ken Loach!), sondern auch den legendären Säufer, Schriftsteller und IRA-Aktivisten Brendan Behan. Und also darf an dieser Stelle ein Literaturtipp ebenfalls nicht ausbleiben: „Borstal Boy“ oder auch „Bekenntnisse eines irischen Rebellen“. Und die Theatergänger unter Ihnen werden mit den Stücken „Die Geisel“ und „Richards Korkbein“ sicherlich etwas anzufangen wissen.

Guter alter Brendan Behan! Guter alter Traktor Boxhagen!

 

Die „Schmerzen-tun-nicht-weh!-Revue“ in der Nachbetrachtung (17.6.2011)

Traktor „Meister“? Häh? „Diese fiesen Treter, diese hochnäsigen Emporkömmlinge?“ Wie konnte das gehen, verdammichnochmal? – Abermals und wie immer um diese Jahreszeit erwischte die Vereinsführung einen ihrer Autoren im Böhmischen – zwischen alten Buchen, unentdeckten Boofen und Bergen; auch von Bierhumpen. Gerade umstreifen Hummeln die Knöchel Rübezahls, ein Ober mit dem Antlitz eines Aristokraten bringt den Braten gerochenen, die Hände Ihres Reportes strotzen vor Splittern der Hölzer nächtlicher Feuer und… Ja, hier:

Nun, es gäbe da schon einige Gründe! Dies der kurze Versuch also, bezüglich und möglicherweise besser durchzublicken:

Mangelnde Einsicht in die kausalen Zusammenhänge von Dingen beispielsweise wurde bei Traktor natürlich nicht mit dem Herdplattentest verbessert – vielmehr war das Setzen auf Erkenntnis im dialektischen Sinne dort oberstes Prinzip. So wie es das Gespenst aus Templin seit 2005 in der Profiliga der Volksverarscher eindrucksvoll noch immer vormacht: leise, konsequent und selbstredend den Anschein des latenten Unterschätzt-Seins wahrend (klasse!). Es ging also um die Symphonie der Leidenschaft und des Verstandes. Es ging um Anspruch und Realität. Und innerhalb dieses sich ständig verändernden Prozesses hat eine gewisse Kompetenz wohl gut gedeihen können und sich dann durchgesetzt: Einerseits und vorrangig der Enthusiasmus der Spieler in weinrot und ihr bedingungsloses Kämpfen um jeden Ball auf jedem Quadratzentimeter; auch: ihr Wissen um eine felsenfeste Abwehr und die Fähigkeit, darauf ein Spiel aufbauen zu können. Andererseits die Fertigkeiten einer exakten Organisation und Informiertheit – auch außerhalb des Wettkampfes; und drittens schließlich der Sachverstand und die Motivationskünste der KrachBummEnte, ihrer Mannschaft nicht nur Leben „einhauchen“ zu können, sondern daraus eine Größe zu formen, um das entscheidende Stück Selbstbewusstsein dann als konstanten Wettbewerbsvorteil zu nutzen (merke: das auf der Weihnachtsfeier am 11.12.10 formulierte Ziel „Wir spielen um Platz 3 bis 1!“ entpuppte sich als realistisch und der Glaube daran versetzte fortan Hügel).

Übrigens lebten die anderen Traktor-Mannschaften (Zwoote & 4ziger) den Traum ganz anständig mit, halfen hie und da aus und stellten den Vereinsgedanken über ihre eigenen Befindlichkeiten; sehr erwähnenswert!

Ein Viertes noch – zum äußeren Rahmen: Traktor Boxhagen bedankt sich an dieser Stelle beim VFF für die Spielleitung und zollt wie immer der ehrenamtlichen Tätigkeit der dort aktiven Menschen größten Respekt! Und verneigt sich ebenso tief vor den Mitwettbewerbern in der Verbandsliga, die zu dieser doch eher spannenden Saison beigetragen haben. War den Boxhagenern mit Sicherheit ein Bedürfnis und eine Ehre!

Ebenfalls noch sei Martin im „Schönen Hauffgrund“ gedankt für immerwährende Versorgung und seelischen Beistand (gemeinsame Schallplatte wird bald eingesungen).

Diese Traktor-Meisterschaft 2010/11 ist schlicht die erste – insofern bleiben Truppen wie bspw. Sporting Mutante, Borussia Berlin oder auch die SG Raddatz Vorbild. Wegen Fairness, Fetzigkeit, Fachlichkeit und Fulminanz.

Vielleicht dann noch ein Wort zur Erläuterung des Mottos: „Schmerzen tun nicht weh!“ (siehe Überschrift): jede Unternehmung braucht ja schließlich einen Namen und insofern ging es in Boxhagen –es darf hier die Essayistin Joyce Carol Oates zitiert werden- um die „systematische Kultivierung von Schmerz im Interesse eines Projektes,…: die willentliche Umwandlung der Empfindung, die wir als Schmerz kennen, in ihr diametrales Gegenteil.“ Das haben die Traktor-Spieler angewandt…jess!

Nun aber, ganz im Schillerschen Sinne, die Ode an die Freude: „Brüder, fliegt von euren Sitzen, / Wenn der volle Becher kreist. / Lasst den Schaum zum Himmel spritzen: / Unser Glas dem guten Geist!“

Es lebe der Gedanke und die Praxis des Freizeitfußballs!

MauMau, schönen Sommer vorm Balkon und bis neulich –

Ihr Theo Retisch.

 

11.6.11 Traditionelles Rasenturnier in der Pionierrepublik

Unglaublich! Es finden mittlerweile Personen den Weg in den Barnim, deren Persönlichkeit so manchem bisher verborgen geblieben war! Umso schöner war das Aushilfsengagement von beispielsweise Sterni als Torwächter bei „Cuba Si“ , vor sich habend Nico, Schaffi, Eisen, Kerscha plus Jonas sowie Knaua. Die konnten einen unkonkreten 4. Platz belegen, weil ab Halbfinale dann 2x verloren wurde. „Traktor Boxhagen“ als Titelverteidiger machte es besser und hatte beinharte Qualität in Reihen. Wurde die wie immer spielerisch wohl gelaunt auftretende Landesauswahl von Sachsen-Anhalt im Halbfinale erst im Neunertreten rausgekegelt, so konnten Achim, Schildkröte, Detta, Hurricane (donnerte den Ausgleich ein), die Trude Unruh (verabschiedete sich für einen kurzen Moment vom Text-Lernen und vollbrachte auf äußerst konkrete Weise die Führung), der Große sowie Falle (konterten den 4:1-Endstand heraus) die Jungs von „Härter Bremen“ (deren argentinische Jungspunde werden von Jahr zu Jahr besser) besiegen. Einige Zugucker fanden das Auftreten der Weinroten zu hart (obschon die Eigenart doch im Namen des Gegners spektakulär geführt wird), aber die wollen zurzeit alles. Überrollen. Titelschweine… Gut, dann wird nächstes Jahr zur Abwechslung mal „Cuba Si“ gewinnen – kann man ja alles ein wenig planen.

Großartig die Amazonen- und Kinderschar mitgebrachte; konstant gutartig das Wetter; lieblich das Wasser – so ganz ohne Zander. Unglaublich?

 

Boxhagen, zum 03.06.2011

Liebe Spartaner!

Dies ist eine Gruß-Adresse an Euch, die Ihr dem ehrenwerten Traditionsverein „Sparta Lichtenberg 1911“ angehört!

Dies ist ein Ausdruck der Bewunderung für Eure Fähigkeiten, die besten Inhalte Eurer Arbeit immer weiter gegeben und eine hervorglänzende sportliche und soziale Vorbildfunktion erfüllt zu haben!

Dies ist eine Anerkennung für Eure Bemühungen, sowohl das „Ballett der Arbeiterklasse“ als auch den Breitensport seit nunmehr einhundert Jahren der Berliner Jugend nahe gelegt zu haben!

Dies ist ein „Sparta-Kuss“!

Eure Freizeitballtreter vom SV Traktor Boxhagen.

 

Zurück in die Höhle

-Boxhagener Neujahrsgeschichte 2011-

Beide senkten ihre Stimmen. Von einer Versammlung zum Zwecke des Verteidigens öffentlichen Rechts kommend, hatten sie sich in der araukanischen Rotweinstube am Boxi getroffen und hielten nun inne; ihr Gespräch stockte. Henrihorst hatte den Jungen schon länger im Blick, der machte sich in den Konflikten ganz gut und nun saßen sie erstmals privat beieinander. Es war die Rede nach allerlei Hitzigkeit und Analyse auf die Freizeit-Interessen gekommen und erschrocken und mit großen Augen bemerkten sie die Deckung. Und irgendwie wussten sie in diesem Augenblick beide, dass das Wandern in Sachsen, Böhmen und Mähren nicht zu empfehlen weiter war – der Code, es unter sich und dabei zu belassen, war ihnen geläufig. Waren doch schon zu viele Leute mittlerweile unterwegs, die mit ihren Nordfresse- und Jacob-Wolfshaut-Jacken lärmend und ignorant durch die Gegend zogen und nichts, aber auch gar nichts mitbekamen. Also leise jetzt! Sie schmunzelten, denn es war doch immer schön, in diesen gedanklichen Sphären einen Gleichgesinnten zu treffen…

Spät schieden sie, nicht ohne dass der Junge ihm noch eine Einladung zum Winterboofen ausgesprochen hatte. „Nächsten Freitag, Abfahrt 17.30 Uhr, du fährst!“ Henrihorst Pachulke ging unsicher durch die Stadt. Er sah den Schnee nicht. Er sah nur, dass er den Jahreswechsel über ein ordentliches Hirnprojekt haben würde. Verdammt, er war 65, seit 4 Monaten Rentner und hatte seine Zukunft eigentlich hinter sich. Jahrzehnte lang hatte er an der Drehbank gestanden, im WMF Marzahn; zum Schluss musste er gar den Brigadier machen, weil die meisten abgehauen waren. Und nun bestand sein Leben im Grunde darin, die Scheidung nach 31 Jahren Ehe mit und durch seine kleine russische Freundin zu verarbeiten. Er war davon ausgegangen, dass dies reichen müsste bis zu seinem Ende. An Unternehmungslust. Und nun das! Winterboofen! Seit Ewigkeiten drehte er um Hinterhermsdorf und an der Klamm der Kamenice seine Runden. Er kannte alle Wege, alle Steine, bei jedem Wetter. Aber im Schnee? Und draußen schlafen?

Indem seine Wohnungstüre in ihr Schloss fiel, stand für Pachulke gegen Mitternacht fest: ich mache mit. Pah, der Junge sollte sich wundern; dem würde Henrihorst schon zeigen, was ein kerniger Wanderer ist. Morgen ist Silvester, na gut, da habe ich noch einen Moment Zeit.

Der kleine rote Skoda schnurrte trefflich. Bald waren sie in Dresden, da musste er noch kurz bei seinem Sohn vorbeisehen. Er erzählte dem Jungen nicht, dass es nicht sein eigenes Blut war und er erwähnte schon gar nicht, was ihn mit Elbflorenz noch so verband. Der Junge döste und schien stark und souverän. Kurz hinter Pirna, auf der Ebenheit, murmelte der: „Uwe-Leichsenring-Gedächtnisfahrt“. An der Elbe in letzter Instanz vor der Grenze stellten sie den Wagen ab. Es war spät geworden, nach 21 Uhr. Der Fluss lag glatt und fror minütlich unter dem öligen Film zu. Eine klare kalte Nacht machte über ihnen die Vorhänge auf und im Dorf regte sich nichts.

Henrihorst hoffte, alles dabei zu haben und ging dem Jungen nach. Beide querten noch eine kleine Straße und gingen in das schwarze Loch vor ihnen, welches der Wald für sie geöffnet hielt.

Sie sprachen nicht. Es schien abgemacht, würdevoll diesem kleinen Wahnsinn zu begegnen und zu schweigen. Obschon sich Henrihorst sehnte, mehr zu wissen; über ihr heutiges Ziel beispielsweise. Aber er biss sich auf die Lippen und verlor augenblicklich seine Gedanken. Es ging jetzt steil bergauf und der Junge behielt ihn immer im Auge. Tiefer Schnee verhinderte ein gleichmäßiges Laufen. Ein Mond etwa schien nicht in das Tal und Pachulke hatte bald jede Orientierung verloren. An einer Kreuzung nahm sein Vordermann zielstrebig einen von drei Wegen und führte sie durch dicht stehende Fichten. „Wurzelweg“, „Aha.“ Das war seit 20 Minuten der erste akustische Kontakt mit dem Jungen. Bald blieb der einfach stehen und sie warteten; keine drei Minuten später knirschte es deutlich und ein Mammut trat aus den Bäumen. Für Henrihorst sah das sehr verabredet aus, allerdings erstaunte es ihn doch etwas, sich exakt hier und pünktlich in der Nacht zu treffen. Das Mammut begrüßte sie herzlich mit einem „Servus!“ und stiefelte los. Nach links oben. In einem mörderischen Tempo, schweigend und sicher. Der Junge war hinter ihm.

Schweiß rann jetzt an ihm herunter, sein alter Wollpullover wurde eilends schwerer. Fast senkrecht ging es hoch, der Schnee und das Eis verbargen die im Sommer sehr wohl zu begehende Treppe. Manchmal waren Eisen in den Steinwänden und das half, sich empor zu drücken und den nächsten Absatz zu treten. Sie waren jetzt tief in der Wand und absolute Finsternis umschlang sie. Fehlt nur noch, dass ein Käuzchen schreit, dachte er. Sein Puls hämmerte; er durfte keinen Fehler machen, das war ihm klar. Nur ganz selten tickte der Junge seine Stirnlampe an, um ihm zu leuchten. Das Mammut kannte sich aus und brauchte kein Licht. Und – war auf einmal weg. Pachulke drehte sich erschrocken und fragend nach dem Jungen um. Sie konnten einander nicht sehen, nur hören. Kein Hinweis, keine Hilfe. Er merkte, dass er die Situation würde allein zu meistern haben und spähte durch salzige Augen. Sah einen schmalen Durchgang und verließ den Aufstieg. Seinen Rucksack musste er über die Pudelmütze stemmen und dann trat er nach vorne. Ins Nichts.

Er rutschte unkontrolliert in die kleine Schlucht. Seine Reflexe bedeuteten ihm, die äußeren Gliedmaßen zu schützen und das Kinn an die Brust zu ziehen. So machte er sich rund und vergaß Zeit und Ort. Ein Huf des Mammuts dann stoppte ihn. Lächelnd zog es ihn aus dem Schnee, klopfte ihn ab und bemerkte nur: „Hast du dein Zeug?“ Was mit seinen Knochen war, interessierte offensichtlich nicht.

Sie durchliefen einen großen dunklen Kessel, gingen dann zwischen riesigen Steinen in eine Linksbiegung, scheuerten sich noch 5 Minuten durch das Unterholz, erklommen zu guter Letzt eine drei Meter steile Wand und blickten endlich in das Feuer.

Pachulke erkannte eindeutig das Ziel des Weges und roch den Speck. Mit aller Kraft nahm er Haltung an, ließ den Zentner vom Rücken gleiten und besah sich die Situation. Zwei Männer erhoben sich, kamen gebückt auf ihn zu und er dachte im unteren Bewusstsein: So muss es gewesen sein, als die illegale Rote Kletterergruppe in den Dreißigern viele Leute rausbrachte. Und später rein, denn die meisten Kundschafter kamen über den unzugänglichen Sandstein…

Der Sehnige mit dem wettergegerbten Gesicht gab ihm die Hand. Der hatte kleine Augen, die klar im Schein der Flammen funkelten. Seine, Henrihorstens Augen, wurden in dem Augenblick ebenfalls klein, als die Hand zudrückte. Eine Hand aus Birkenholz, ein Schraubstock menschlicher Kraft. Der andere mit der Nickelbrille umarmte ihn und schien so etwas wie der Gastgeber zu sein. Man bedeutete ihm, Platz zu nehmen und er fiel auf sein Altenteil, atmete schwer und streckte die Hände zur Glut. Der Junge rollte sofort sein Schlafzeug aus und Pachulke schielte lernend aus den Augenwinkeln. Er wusste, diesen Moment durfte er nicht verpassen und tat es nach.

Die Boofe lag besonders: Hoch und luftig gab sie eine Ahnung von dem fernen Strom. Weiße Spitzen der Nadelhölzer knarzten träge vor ihm hinter dem Rauch. Sie waren also zu fünft. Die drei anderen mussten schon früher hergekommen sein, dem Holzvorrat nach zu urteilen. Das Mammut hatte sie abgeholt auf halber Strecke und der Junge ihn hierher organisiert. Pachulke hatte keine Angst, als er sich bald in den Schlaf verabschiedete. Seine Penntüte würde halten, die Isomatte ihn von unten schützen vor dem eisigen Sand. Und der Stein würde ausgerechnet heute nicht abbrechen und ihn schon begraben. So mummelte er sich ein, zog an der Kordel seine Nasenspitze nach innen und war zufrieden, es bis hierher geschafft zu haben. Er wiegte sich in den Schlaf kindlicher Ungläubigkeit.

Henrihorst fror, ein ätzender Wind drückte in das Loch, welches die anderen „Number One“ getauft hatten. Er wusste nicht, ob er austreten sollte. Er konnte nicht denken. War er das, der hier frierend und mit Harndrang kauernd in Embryonalstellung die paar Sterne anglotzte? Das Feuer hatte sich längst gelegt und der Rest der Gruppe war unsichtbar. Oh Gott, und das war ja erst der Anfang! Als er wach wurde, wusste er nicht, ob er überhaupt geschlafen hatte. Sein Skelett tat jämmerlich weh und er dachte an Friedrichshain, an sein Bett.

Das Mammut saß schon an der Glut und gab kleine helle Holzspäne hinzu, welche die Birkenhand geschickt mit dem Beil herstellte. Die Nickelbrille kochte Wasser, der Junge schlief noch. Es war hell, vielleicht kurz nach Acht und in Henrihorst meldeten sich die Blase, der Durst und der Hunger. Er schälte sich also aus seiner Decke und musste heftig erschrocken die Kälte feststellen. Oh nein, das ist nicht wahr, ich katapultiere mich zurück, alles ist ein einziger Irrtum! Der Junge grunzte: „Na Alter, gut geschlafen?“ Ein Witz, dachte Pachulke, das konnte nur ein Witz sein! Er musste aufpassen, nicht seinen Schädel in den tief hängenden Fels zu rammen. „Ich auch nicht, die erste Nacht ist immer Scheiße.“ Toll, dachte er und sah den Jungen herausfordernd an. Die Nickelbrille hielt ihm Kaffee und Klopapier hin – eine stumme Geste der Bestimmtheit. Er schlich wie ein Schakal die Wand entlang, erledigte innerhalb einer Zellen-Supernova, was zu entledigen war, kroch in seine klammen Sachen und gesellte sich in die Frühstücksrunde. Sein Haar hing wirr, seine Kopfhaut juckte, seine Hände waren die verkörperte Asche, der Rotz verkrustete seine Lippen und seine Zehen waren blau. Die vier anderen besprachen die Tagesroute. Angemessenen Wortes, ohne Brimborium. Hier redeten offensichtlich Auskenner und er verstand nur wenig. Affensteine, ja. Grenzweg, hm. Dolny Mlyn? Vollends wach wurde er, als ein seltsamer Unterton sich einschlich: „Jungs, es könnte knapp werden. Wir dürfen uns nicht verzetteln!“ Sehr schön, das war die Stelle, an der er beschloss, heute zu schweigen und sein Misstrauen auf die Lauer zu legen. Der Aufbruch war langwierig: Klamotten und Schlafzeug steif wie ein Brett; kein Platz mehr im Sack, wo doch gestern noch alles feinstens reingepasst. Die Finger taub und eine große Unsicherheit spürte er in sich emporwachsen. Henrihorst, auf was hast du dich da eingelassen?

Der Junge ging jetzt vor, auf der „Eins“, wie er sagte. Stetig bergan durch einen Hain von Kienäpfeln, Eulenfedern und Rehharsch. Das Mammut hinter ihm trieb ihn nicht; der Typ war präzise und blieb mit ihm stehen. Ein Takt von achtern sozusagen. Die Nickelbrille lachte, die Birkenhand musterte das Nötigste. Pachulke trat in die Spur und überlegte, woher die wohl wussten, wo der „Weg“ war. Allethalben purzelten sie über quer liegende Baumstämme, Schnee schlug ihnen von den Zweigen nackenwärts, die Schuhe glitten oft aus und der Körper balancierte eckig. „Kaprioladse!“ rief die Nickelbrille dem Jungen zu. Der drehte sich einen Augenblick um, Spott umspielte seine Mundwinkel. Die beiden verband etwas Mächtiges, das konnte Henrihorst spüren in diesem Moment. Er dachte jetzt tiefer darüber nach, wie diese Männer miteinander umgingen. Sie waren tatsächlich halb so alt an Jahren wie er und strahlten dennoch eine gewaltige Lebenserfahrung aus, eine Routine in ihren Handlungen war sichtbar. Alles wurde mit Bedacht gemacht, gewissermaßen zelebriert. Keine überdrehten selbstverliebten „Seht her, ich kann was“- Aktionen, kein sinnloses Geplappere; vor allem aber nicht dieses ständige Nörgeln am Verhalten anderer und dazu dann „Kritik“ sagen, ohne je einen eigenen Diskurs hervorgebracht zu haben. – Alles ging ineinander über, die Situation, die Natur, das Tempo, die Abfolge, die Kommunikation. Seit langem spürte er wieder eine Logik der Dinge und es keimte hoch in ihm die Vermutung, dass die Männer hier ganz bewusst waren. Ihres „Ichs“ bewusst und eins mit sich als Gruppe. Und zum ersten Male seit Jahren atmete er tief und frei, er achtete nunmehr nicht auf die Schwierigkeiten unter ihm, sondern nur noch auf die viere um ihn. In deren Alter hatte er auch noch die Illusion, die halbe Welt retten zu können; er war so naiv zu glauben, dass noch etwas Besonderes passieren würde… Knirsch. – Sie waren inzwischen auf einem etwas breiteren Pfad angelangt, traten nunmehr durch lichten Hochwald und konnten Schritt aufnehmen. „Autobahn“, sagte der Junge verächtlich, „gleich vorbei“. „Gleich“ war nach einer halben Stunde und vor ihnen ragte eine hölzerne Schranke konsequent in die Gegend. Getrocknete Aprikosen wurden herumgereicht, dreie rauchten. Pachulke sah die Grenzmarkierung und vermutete einen Richtungswechsel. Gefehlt! Das Mammut überstieg die Barriere und spurte durch den Tiefschnee. Wie ein Uhrwerk, mahlenden Schrittes. Behende sprang die Birkenhand nach vorne und verkleinerte das Intervall. So konnten alle analog folgen und murmelnd erkannte das Mammut den Größenunterschied. Es war wie beim Bahn-Vierer: Nach einigen zig Metern wurde vorne in der Führung gewechselt und die Spitze ehemalige ließ sich nach hinten fallen. „Die letzten werden die ersten sein, in den Momenten, wo die Dinge sich wenden“ knirschte es in Pachulkes Kopf … Er selber fuhr jeden Tag seine guten 60 Kilometer auf dem Rennhobel, als Radsportexperte sah er genau, welches Metronom seine Mitwanderer am Laufen hielten. Einer brach ab und zu kurz aus und erkundete den Weg. Sie traten auf ein Plateau, die Sonne schien kräftig und in der Ferne waren die Zschirnsteine zu sehen, der Gohrisch, der Pfaffe und der Pabst auch grüßten. Er ließ den Blick gleiten und erinnerte sich an damals. Die Elbe war voll mit Blei und aus den Zellstoffwerken in Decin ließen sie noch so allerlei hinein. Trotzdem kam er gerne her, die Berge waren geheimnisvoll und der Wald auch. Dieses Areal war sein Chagrin-Leder geworden. Er musste immer wiederkehren und seine Zeit wurde nun dünner, mählich.

Sie gingen, monoton, kompakt. Henrihorstens Nase tropfte, sein Puls raste und schwer wog der Rucksack. Er vergaß die Welt, konzentrierte sich nur auf seine Schritte und synchronisierte seinen Atem dazu. Knirsch, knirsch. Die Gestalten vor ihm verschwammen, er verschwamm zu einem Wesen aus alter Zeit, in ihm arbeitete eine Maschine. Er hatte sich gerade perfekt verselbstständigt und war zum Lederstrumpf geworden, als die Reihe stockte. Pachulke wurde eingeweiht: „Das ist hier der Grenzweg, kurz hinter den Silberwänden. Wir müssen über Mezni Louka und dann noch vielleicht eine Stunde. Könnten wir schaffen, wenn man nur die Grenzsteine sehen würde!“ Sofort war ihm klar: es gab ein Problem. Ein großes Schneeproblem! Die 4 Angeber konnten den Weg nicht finden! Ich fasse es nicht, dachte Pachulke, es war vielleicht halb zwölf mittags und die informieren mich so nebenbei, dass der Plan im Eimer ist! Jäh schlug seine Stimmung um. Er musste mit ansehen, wie die Suchtrupps größer wurden und länger nun nicht zurück kamen, er musste in irgendwelche Seitenschluchten hinabsteigen („Sieh du mal da nach!“), sie begegneten nach einer halben Stunde Fußspuren, die sich nach intensiver Beratschlagung als die ihren herausstellten und er hatte Durst. Die Schläfen trommelten, die Schultern wurden nach unten gezogen und er bemerkte erstmalig kaltes Wasser in seinen Schuhen. Hier knickte er ideologisch vollends ein und sein Vertrauen schmolz dahin wie gestern der Schnee am Feuer.

Seltsamerweise aber blieben die anderen ruhig, ja, es kam ihm so vor, als würden sie die Situation genießen. Ah, endlich mal eine Herausforderung, wie? Wir können es ja nicht schwierig genug haben! Er fing an, sich zu beschweren und sein Gang wurde unsicherer. Doch sein Lamento wurde ausgebremst: „Das schwächste Glied in der Kette ist das entscheidende. Mach dir keine Sorgen!“ Schön, er durfte also entscheiden – die meinten doch ihn, oder? Nun ging es steil bergab, durch Rinnen rutschten sie und seine Schuhe schwappten. Die Nickelbrille war sich sicher: „Dolny Mlyn können wir vergessen!“ Henrihorst kannte nicht Zeit und nicht Raum, es war ihm egal, welches Kaff wo lag. Er wollte an einen Ofen, an einen Grog und an eine Gewissheit. „Scheiße, ich kehre um!!“ Das Mammut und die Birkenhand sagten nichts. Die wussten wohl um die Nichtigkeit seines Hilferufes. Der Junge fühlte sich verantwortlich und wurde von der Nickelbrille unterstützt: „Pachulke, es ist wahr, es sieht nicht gut aus. Du nicht, deine Schuhe nicht und die Schlucht auch nicht. Aber wir werden weitergehen und da, wo die Gefahr ist, ist die Rettung auch!“ Er glaubte, sich verhört zu haben! Mitten am Südpol geigen die mir solchen esoterischen Mist vor. Sie wissen nicht, wie es weitergeht und legen mich an ihre Zitze, so als wären sie selbst Mutter Erde! Infam, verdammte Intrige! – Ächzend und sich ausgeliefert fühlend schob er sich weiter durch diesen jetzt zum Albtraum gewordenen Tag; es war körperlich am Ende, die Knöchel waren blutig, seine Sachen waren mittlerweile schwerer als er selber und die Schuhe verdienten ihren Namen nicht mehr. Stunde um Stunde keulten sie durch die Felsen und bald würde es dämmern. Am Rasthof Freienhufen hatte ihm gestern noch der Junge anvertraut: „Der Witz ist, immer im Hellen an der Boofe zu sein, damit man noch Zeit hat, Holz zu schneiden.“ Vorsichtig hatte er sich erkundigt, ob das wohl erlaubt sei und in tiefer Demut kam die Antwort: „Nein, das Gebiet ist Nationalpark, Feuer ist verboten und wenn dich die Ranger erwischen, kommst du in Schwierigkeiten. Die sind die Gebieter.“ Knirsch. Henrihorst wünschte sich einen Ranger jetzt herbei, damit der dem Spuk ein Ende machte. Indes er knickte um, kullerte durch ein Meer von Kristallen, blieb benommen liegen und – gab auf. Sicher, die Männer würden ihn hier raus bringen, er würde nicht dem Kältetod anheim fallen. Aber er zog die Reißleine.

„Alter, komm rüber, hier ist das Cafe!“ Der Junge hatte mit der Nickelbrille eine enorme Höhle in der rechten Wand entdeckt und hielt dort Hof. Es war eine Feuerstelle sichtbar und die Luft stand still. Pachulke blickte der Rettung in den Schlund und seine letzten Lebensgeister erwachten. Offiziell weiterfluchend, robbte er ins Trockene und lotete die Umstände aus. Hier also würden sie campieren, im Nirgendwo konkret. Das Mammut kümmerte sich schon rührend um das Feuer, die Birkenhand bugsierte wie aus dem Nichts grandiose Stämme heran und die beiden anderen hackten und sägten ohn Unterlass. Beim Anblick dieses eingespielten Teams keimte Hoffnung in ihm auf und er beschloss indes, noch eine Weile Kind zu bleiben. Und siehe: die viere kümmerten sich um ihn, schweigend und wirkmächtig. Nicht zu offensichtlich. Es wurde warm, er konnte seine Untersachen herunterreißen und sie trocknen. Meckernd auch stellte er die Schuhe ans Feuer und bekam Nahrung serviert. Inzwischen war es dunkel geworden und die Sprache kam auf die geistigen Getränke. Wer hätte wohl was mit? Da nun schlug Pachulkes Stunde, war er doch vor 2 Monaten in Jaroslawl gewesen und hatte eine anständige Flasche Wodka mitgebracht. Die kramte er nun hervor und war mit einem Male wieder ganz vorne dabei! Gelobt wurden seine Taten, hervorgehoben sein bewundernswertes Durchhaltevermögen. Vor allem aber, dass er so selbstlos noch einen halben Zusatzliter bis hierher geschleppt hatte, begeisterte die Männer sehr. Ihm wurde gemütlich um Haut und Herz und es brach an die Zeit der Geschichten. Einige wurde reihum erzählt, auch er konnte an den Aufführungen mitwirken. Und allmählich wich sein Zorn einem kleinen Stolz, sich mit diesen Menschen in den Sand zu legen nachher und erneut eine Nacht in der Boofe zu verbringen. Tatsächlich war deren Finden reiner Zufall, niemand von den Trappern aus Boxhagen kannte sie, so sprachen sie jedenfalls, und er stellte fest, wie dringend nötig doch deren Auftauchen vorhin war! Allein für heute war er genug gequält und verabschiedete sich korrekt und sachlich in den Schlaf. Die Männer nickten und machten nun ihrerseits die Restvorräte an Schnaps nieder. Allerdings konnte er noch bemerken, wie ein jeder sein Nachtlager bereitete, die Nickelbrille Stöckchen in die Decke steckte und daran Sachen aufhing, während das Mammut das Feuer sterben lies. Überblick haben sie ja wirklich, dachte er zuletzt und schlummerte selig ein.

Diesmal hätte er durchgeschlafen, er war zum Negativ-Troll geworden. Tagsüber ein ihm unbekanntes Fabelwesen, nachts ein Stein. Doch er wurde wach. Durch ein Zischen und Klackern und allerlei Illuminationen. Lange brauchte er, um herauszufinden, dass ihr Lager von einem Fuchs bedroht wurde. Das Tier wurde beworfen, es wurde gescheucht, und in Lichtkegel getaucht, umschlich Reinecke die Stätte. Henrihorst fand die Sache absurd und beschloss, den Zirkus zu ignorieren. Zäh fand er Schlaf. Knirsch.

Morgens dann mussten die meisten feststellen, dass das wilde Tier doch erbarmungslos zugeschlagen hatte. Fast jedem fehlte etwas – eine Wurst hier, Speck, Brot dort. Das Alugeschirr lag zerfleddert im weiten Kreis und nur die Nickelbrille triumphierte: „ Ihr hättet mal auch euren Proviant an die Decke hängen sollen. Oder macht es wie ich – Tupperdose!“ Die anderen blickten betreten in den Himmel und Pachulke überschlug, dass die Überbleibsel für diesen Sonntag doch irgendwie reichen sollten. – Die Nickelbrille wurde unruhig: „Verdammt, wo ist denn …?“ Und um sich nach längerem Suchen einzugestehen, dass der Fuchs hier ganze Arbeit geleistet und sein Plasteteil komplett verschleppt wohl hatte! Nun grinsten sie alle und die gestern noch „Grenzboofe“ getaufte wurde spontan in „Fuchsboofe“ umbenannt. –

Der Tag dann war ein einziger Höhenflug für ihn. Hurtig war er in der Lage, mitzuknirschen und lebhaft beteiligte er sich an den Unterhaltungen. Er hatte sich vom Novizen zum anerkannten Mitläufer gemausert! Er wusste nun, wann er zu essen hatte und bewunderte seine Einteilung des Wassers in genaue Rationen. Sie durcheilten die Richterschlüchte, nahmen den beeindruckenden Goldsteig, besichtigten das Hintere Raubschloss noch und kamen geschafft, aber zufrieden am Parkplatz an. Knirsch, knirsch, knirsch.

Der Junge erstand bei Aral einen Kakao und eine BamS und sie fuhren nach Norden. Herzlich lachend spielten sie diese und jene Situation durch und er, Henrihorst Pachulke, fand die Dinge im Nachgang überhaupt nicht grotesk. Es war nämlich eine tiefe Einsicht in ihm empor gestiegen: Er war dort gewesen, wo den Apparaten das Klingeln vergeht und nachts im Wald die Steine schreien. Er war vorhin noch in einer Welt mit Leuten, deren oberstes Motto war: Alle oder keiner! Und er spürte, die waren zu Größerem in der Lage. Vielleicht gründen die ja bald einen Fußball-Verein. Beispielsweise, vielleicht. So dachte er. Nun allerdings konnte sein Rentnerdasein beginnen, er hatte etwas Elementares, Erhebendes, Beeindruckendes und Archaisches erlebt. Er hatte den Wert eines Feuers neu kennen gelernt und er begriff nun, dass der Weg durchaus das Ziel sein kann. Ein zweites Mal aber würde er nicht mitgehen, er wusste es. Es mögen die Zipperlein auch kommen – er durfte alt werden. Ab heute.

Pachulke setzte sich nach einer himmlischen Dusche in seinen Schaukelstuhl, öffnete das Fenster zur Nacht und seine zwei oberen Pyjama-Knöpfe. Ließ den „Tatort“ aus. Die Stadt tobte, der Autolärm sprang wie ein Gibbon um seine Möbel. Schön noch, wie sich jeder von ihm verabschiedet hatte: Das Mammut hatte nur gedröhnt: „Respekt, immer wieder gerne!“, um, ähnlich wie es gekommen war, alleine in den Wald zu entschwinden. Nachher die Birkenhand meinte mit Schalkaugen: „Hat mich gefreut, mit dir laufen zu dürfen!“ und die Nickelbrille gar nahm ihn in den Arm und herzte: „Na, war doch eine Fetzenrunde, oder?“ Der Junge zum Schluss trat dicht an sein Ohr und raunte: „Indianerland!“. „Ja!“. Beide hielten die Stimme gesenkt.

[collapse]

 

Zeitung 2010

24.12.10: Keine Boxhagener Weihnachtsgeschichte, vielmehr eine Kabuler

„Hinaus damit!“

Wir wollen uns von dem verlogenen Weihnachtsklamauk nicht besoffen machen lassen. Wir wollen uns umsehen, wie die bürgerliche Gesellschaft, die die Geburt des Menschen zu feiern vorgibt und edle Friedensgefühle heuchelt, praktisch handelt. Dann wird uns schön übel werden vor dem „Fest der Volksgemeinschaft“, und dann werden wir wissen, wofür wir uns diese Tage auszuruhen haben.

In Berlin hat ein Prozess stattgefunden gegen den verantwortlichen Redakteur und einen Mitarbeiter der „Weltbühne“. Sie haben die Reichswehr angeblich beleidigt, ich übrigens auch, der Prozeß ist unterwegs: nun, das sind so die unvermeidlichen Spritzer, die jeder abbekommt, der in eine – sagen wir Wasseransammlung tritt. Als nun in dem Berliner Prozess der Staatsanwalt sein Plädoyer und die Angeklagten hoher Strafen für würdig hielt, da passierte etwas Unglaubliches. Bei einer besonders aggressiven Stelle der staatsanwaltlichen Rede kam aus dem Zuhörerraum leise, aber deutlich vernehmbar das Wort: „Wahnsinn…!“ Man kann sich vorstellen, was geschah. Dem Vorsitzenden fiel vor Schreck der Klemmer von der Nase: man hatte die Gottähnlichkeit eines Staatsanwaltes angetastet! Auf Nachfrage meldete sich sofort und freiwillig als Übeltäter – ein Kriegsblinder, der die ihm vom Staat zuvorkommenderweise verschaffte Arbeitunfähigkeit offenbar benutzte, um nach dem Schlachtfeld andere segensreiche Einrichtungen dieser geheiligten Weltordnung kennenzulernen, und dem in der Erregung das Wort entfahren war. Was tut nun ein höherer deutscher Richter, was tut dieser dem Gericht vorsitzende Prototyp jenes deutschen Wesens, an dem die Welt bekanntlich genesen soll, angesichts solchen Tatbestands? Ein Kriegsblinder, die Erregung, das freiwillige Schuldbekenntnis, das alles hat ihn wahrscheinlich veranlaßt, mit väterlicher Milde etwa zu sagen: „Na also, das darf aber nicht vorkommen! Sie dürfen hier keine Zwischenbemerkungen machen!“ und damit erledigt, basta, punktum.

Ja, Kuchen! „Hinaus damit!“ schrie der Vorsitzende halb zum Gerichtsdiener, und halb zu jenem Stück Mensch, der für diesen deutschen Bürger zur Sache, zu einem Fetzen Unrat geworden war, den man herauskehrt, weil das menschliche Gefühl in ihm stärker war als die bürgerliche Fassade. Nicht etwa „Hinaus mit dem Mann!“, nein: „Hinaus damit!“ – das sind die Umgangsformen eines Vorbilds deutscher Gesinnung und deutscher Menschenliebe!

Wir hier, wir haben kein Amt, wir repräsentieren nicht die Staatshoheit, in deren Namen der Richter Recht und Unrecht spricht. Wir haben nicht die Pflicht, den gleichberechtigten Staatsbürger in jedem zu sehen, der vor unser Tribunal kommt, so wie sie der Berliner Richter den Menschen gegenüber hat, die in seiner Verhandlung sitzen. Wir können uns daher auch erlauben, auf diesen Richter mit dem Finger zu weisen und zu sagen: „So was gibt in dieser Gesellschaft den Ton an! So was spricht Recht im Namen des Volkes! So was gehört zu den Stützen dieser Republik! So was lassen wir uns gefallen!“

Die Weihnachtsglocken verkünden den Frieden auf Erden! Wenn der nächste Krieg losgeht, wird die Geistlichkeit sie wieder herunterholen und in Mordkugeln umschmelzen lassen. Die bürgerliche Presse streut Schmalz auf alle Wege: Mitleid, Menschlichkeit, Gnade, Wohlgefallen. Aber der Kriegsblinde, der die Wahrheit sagt, wird behandelt wie ein Stück Mist, und dieselbe Presse schreit hosianna!

Wann stecken wir der Menschheit die Lichter an? Wann sagen wir: „Hinaus damit!“ und nehmen statt der Tanne den Besen?

-Walther Victor, 1927-

 

Gründe zu Hauff

– Hommage an eine Institution- , November 2010

„Die Züge fahren von West nach Ost.“

Was einst Tschingis Aitmatow als bleiernen Kanon über sein Epos „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ legte, erfährt immer wiederkehrende Realität auf einem Flecken Berliner Erde, wie sie mit ihrer Ständigkeit und Alldauer  zwar kein Opus Magnum darstellt, so doch aber eine geheimnisvolle Kraft beinhaltet; auch im 3. Jahrtausend: Da gibt es dieses Areal zwischen dem Kaskelkiez und dem Schulze-Boysen-Gebiet, gleich hinter dem Boxhagener Friedrichshain, das zerschnitten wird von Gleisen, welche eine leichte Kurve machen hin nach Lichtenberg und Rummelsburg und in der die Züge stehen bleiben, ausatmen und sich sortieren. Wie Lindwürmer, die seufzen über ihren ewig gleichen Weg – bar jeder Alternative, aber froh darüber, das Ziel schon zu kennen und also nicht aus den Schienen hüpfen zu müssen. Manchmal bemerkt man es gar nicht und plötzlich steht es da, das Dampfross. Auf dem Damm, an dem die Kinder aus der Schreiberhauer Straße ihre Joints anbauen und dort im Winter rodeln. Auf dem Damm: wie ein Monolith, der sich bewegen kann, von fremder Hand gesteuert. Eine gigantische Maschine, dem Menschen zu Nutze. Ein Sinnbild der Beherrschung von Kraft und Energie! Im gleißenden Mondschein oft, wenn die Balltreter von Traktor Boxhagen ihre Heimspiele absolvieren. Bremsengequietsche, Anruckeln, Signaltöne, all das überlagert mitunter minutenlang den Sportplatz an der Hauffstraße.

Die Straße ist ein Weg und der Platz von einem Karree eingerahmt – existiert schon mehr als ein Jahrhundert und manch einem ist noch gut in Erinnerung das alte Schotter-Unikum. Die Brüder derer von Trosina haben hier erstmals ihre Töppen geschnürt und der unerschütterliche Herr Stemmler durchquert quasi täglich sein Wohnzimmer, denn es trainiert heutzeits die Jugend von „Sparta 1911“ eben da. Man kann die Tradition knarzen hören und  erblickt doch gleichzeitig Menschen, die ein Herz haben für den Fußball und so die Geschichte dieses magischen Ortes weitergeben, bescheiden und versonnen, manchmal vierschrötig und angeschickert. Immer authentisch. Selten in der Stadt sind Wohngebäude und Kunstrasen so eng beieinander wie hier. Die Häuser ragen ähnlich der Wände der Bonbonera im Stadtteil Boca von „Schöne Lüfte“ steil über das Rechteck und ein permanentes Hallen der Stimmen ist zu vernehmen: „Spühl ab!“, „Mann, den macht ja deine Oma!“, „Könnta nichman ßahn ßulejen?“. Wenn man eintrudelt, fängt das Kribbeln an. Training! Spiel! Für Traktor!

Sie kommen vielleicht durch die Spittastraße – eine ewigliche Baustelle! Hier winkte Walter seine Jungs von Raddatz im Herbst diesen Jahres durch diverse Nadelöhre, es war eine reine Fahrprüfung. Hier rutschen Sie eventuell nachts aus, wenn es im Juno zu glatt ist und  Sie von Martins Luke bedacht zu Ihrer Kutsche wanken. Hier hat es noch die alten Kirschbäume Boxhagens und manchmal scheint es sogar, als ob die Zeit stehen bleiben würde… In Würde.

„Die Züge fahren von Ost nach West.“

Anfang der Neunziger fanden in der Pfarrstraße lang anhaltende Häuserkämpfe statt, die Belange der Besetzer waren wohl organisiert und die ließen sich nicht so einfach vertreiben. Später wurde hier ein senatsgefördertes Sanierungsgebiet entwickelt und Altes wurde neu. Und irgendwie ist das mit den Traktoristen heute ganz ähnlich: die durcheilen die Zeiten, ständig ihre Ziele hinter sich herschleppend. Sind geborene und erzogene Kämpfer auf dem Platze, wie mongolische Reiter – anspruchslos, ausdauernd, schöpferisch und hingebungsvoll. Deren Grab wird sein einst der Wind und wenn die Weinroten den grünen Teppich betreten, fühlen sie in ihrer wichtigsten Herzkammer Heimatgefühle emporsteigen. Das ist Balsam auf die Seele von Freizeit-Balltretern, ist deren Alltag doch oft kompliziert und anstrengend mitunter auch in den konkreten Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen. Hier finden sie dann Erholung von den Lügen der Welt und Genugtuung für erfahrenes Unrecht, hier gilt ein Handschlag noch und ein Wort hat Gewicht. Ohren sind offen, Augen klar blicken. Bis zu dem Moment, wo Martin ins Spiel kommt!

Martin ist die gute Fee der Stätte. Kann man so sagen. Martin verkauft die besten Bouletten im Rayon, weiß immer Bescheid und quängelt über Unachtsamkeiten innerhalb des Objektes. Er zwirbelt sich sein aus 53 Haaren bestehendes Schnäuzerchen und ist gut und gerne mit einem Kümmerling zu begeistern. Martin gibt die Fahnen raus und die Kabinenschlüssel. Martin ist da. Bringt das verschnittene, aber große Berliner Pilsener für 1,2 € an den Start  und ist auf dem Grunde seines Gemütes der größte Fan von Traktor Boxhagen. Immer Montags, immer Mittwochs, immer Freitags und immer Sonntags, situativ. „Machma nochn Hobel klar, mein Martinmann!“

Vor der Anreise mit dem Automobil ist aus schon angedeuteten Gründen abzuraten; besser eignet sich da die Stadt-Bahn oder das Velociped. Hier empfiehlt sich der Bahnhof Nöldnerplatz, von dem aus man in einem sanften Bogen einschweben kann. Einziger Abgang rechts, links den Steinwurf lang, unter Brücken durch halbrechts, vorbei am Backsteinhaus dem roten aus Willy Römers Foto-Arsenal und dem Kinderspielplatz. Dann stehen da die Pappeln. Still und erhaben beschützen sie die Arena vor dem Winde aus den Ebenen neben Frankfurt, um in gewissen Momenten hinter sich den Mond aus der Halskrause zu ziehen und diesen majestätisch zu platzieren am Firmament.

„Feuer?! Verdammt, meine Stäbchen sind alle!“ Gehen die Männer zum vietnamesischen Kumpel Ecke Kaskel und Spitta; kleine Besorgungen sind immer möglich, große Sorgen selten. Hier.

„Die Züge fahren von West nach Ost.“

Die Sparta-Piepel kennen das Phänomen „Traktor“ schon, ihre Augen leuchten, wenn sie fragen nach dem Spielstand oder aber dir deine Brieftasche forttragen und ausräubern, wie du nicht mal so schnell blinzeln kannst. Gören eben, Maynard kennt das. Jugendleiter Kryszka ist der General und mit Recht sauer, wenn Gastmannschaften querbeet latschen und sein Training ignorieren. Überhaupt, die Gäste: Manche große Schlacht wurde hier geschlagen, manche Verletzung davon getragen und Leute aus Reinickendorf und KölleNeu holten sich Beulen und Dellen. Sind jedoch alle herzlich willkommen! Kommen meist gerne, am gernsten zu den alljährlichen „Offenen Boxhagen“, dem Heimturnier von Traktoristen. Die ihrerseits haben gelernt, sich aufzustellen und so scheuchen beispielsweise die KrachBummEnte und der Garrincha die Übungstraktoristen ordentlich – und mit Wut und Wonne bekämpfen jene ihre Wanne. „Wanne-Eickel?“ – „Kuhle Wampe!“.

In Wettkämpfen zerscheuern sich in schöner Regelmäßigkeit und vorbildlich Graf Schenk und Herr Thiele ihre porzellanen Knie und niemand ist sich zu schade, für seinen Nebenmann in die Bresche zu hopsen! Um danach in einen langen Thing zu gehen und die zukünftigen Herausforderungen zu analysieren, alle zusammen.

Nebenher tuckert der Traktor beständig und der Zustrom an Interessierten will aktuell gar nicht abreißen. Die Scharen nämlich erfassen relativ schnell die besondere Atmosphäre, das Spezielle vielleicht und bemerken erschrocken wie erleichtert einen Motor: Ja, das hat mir gefehlt – Brüderlichkeit! Wer das allerdings nicht rafft, rafft sich selbst dahin. Und bei einigen ist der Gehörgang heute noch entzündet ob der derben Verbalitäten untereinander. Wird gesucht und gefunden, erduldet und entwickelt. Alte Ostbirnen. Hier führt deren Reise nicht weit, aber tief. Und im Januar drehen Skilangläuferinnen ihre Runden…

„Die Züge fahren von Ost nach West“ :  Es geht um den immerselben Vorgang, her und hin; Vergänglichkeit reproduziert sich erneut, die Wiederholung tropfsteint vom Himmel und erschafft einen Bau der Freude, der Utopie, des Widerstandes und des Kampfes.

Das ist das Leben. Teilweise. Trotz alledem.

Das ist der „Hauffgrund“.

 

Im 38. Semester

„Rabattkarte, Studentenausweis?“ Henrihorst verlor leicht die Orientierung. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet – nicht als 42jähriger an der Kasse einer Bio-Kaufhalle (bei Albrechts war voll und er war gerade auf dem Lohntüten-Ball)! Er taumelte, konnte ächzend seine 2 Liter Kuhsaft bezahlen und somnambul den Laden verlassen.

Draußen an der frischen Luft der Warschauer aber keimte langsam ein Zorn in ihm auf, der sich zu einigen Betrachtungen höherer Art dann wandeln sollte.

Also diese Rabatt-Kacke hatte er ja noch nie mitgemacht, außer das „Konsum-Marken-Aufkleben“ bei seinen großen Eltern. Lange her. Sonst jedoch witterte er Unheil und Betrug und verweigerte sich insofern den wunderlichen Augenblicken des Punkte-Haschens. Andere holten ja weltmännisch ihre jeweilige Kundenkarte raus und sparten aber Hallo jetzt! Er, Henrihorst Pachulke, setzt sich dieser Pein nicht aus – es musste doch auch so gehen. Allerdings stellte er fest, fast auf dem obligaten Köterkringel ausgleitend in der Revaler, dass er in letzter Zeit eh nicht in die Situation mehr kam: Keine neue Glotze, Tankstelle gemieden, Möbel alt geworden, Klamotten abgetragen. Wie machen das die anderen denn? Alle sind im Aufschwung, haben dicke Eier und eilen von Erfolg zu Erfolg. So sieht es zumindest aus. Bei ihm hingegen wurde es immer trister: sein Leben entwickelte sich schon lange nicht mehr vorwärts und er wäre froh, wenn die Phase „Stagnation auf unterstem Niveau“ noch so lange wie möglich andauern könnte. Danach käme der Absturz, er wusste es. „Mann, irgendwann landest du in der „Hexe“ und deine Gören schämen sich für dich!“. War das eine Frage des Alterns? Jedenfalls konnte er sich nicht vorstellen, woher die heute 18jährigen soviel Ethik erlernen sollten, um seiner Generation dereinst den Arsch abwischen zu wollen. Kein Vertrauen, ja Missmut und Verachtung sah er in sich aufsteigen. Es würde nicht um Religionen gehen, Moschee oder Kirche – egal! Es würde um Jung und Arm gehen, vielmehr „gegen“!

Warum aber hatte die angemalte Frau an der Kasse nach einem Studentenausweis gefragt?

Eitel wand sich Henrihorst um eine Litfaßsäule, an der klitzeklein und unscheinbar ein „Traktor Boxhagen“-Aufkleber prangte. Sah er doch so jung aus? Ging er als Boheme durch, der das Leben noch vor sich hatte oder als Strebender, der bald sein Staatsexamen in irgendeiner Kanzlei auf den Mahagoni-Tisch knallen würde? Student, hm. Tatsächlich, war er mal gewesen (oh wie schön, so viele nette junge Damen und Dirnen). Sein Gang vielleicht? Oder dieses letzte Kindliche, das er sich bewahrt hatte, wenn er neugierig die festen Regeln auf Festen außer Kraft setzte? Diesen allerletzten naiven Blick, mit dem er den ganzen Mist, der sich nur ums Geld drehte, durchleuchtete nach etwas Expression, nach Spontanität?

Studenten umzingelten ihn, nur noch. Wenn er durch seinen Kiez streifte, die „Friedrichshainer Chronik“ in der Latzhose, musste er den Hohn ertragen: Schwäbische Küche allethalben; Figuren mit Tendenz zum Dritt-Händi; selten zu bemerkende, hetzende und sich duckende Leute, die über 50 sind – ständig auf dem Gelee der Selbstverleugnung rumeiernd; Väter Ende dreißig, die selber Mama gerade von der Couch gehopst sind. Die werden nie Männer, das konnte er sehen: Käsebleiche Wichtigtuer mit dünnen Armen, die nicht einmal den Pfand für ihre Handhalbe nötig haben und die Pulle leere einfach aufs Pflaster feuern. Fürchterlich, weil es doch Leute gab, die 8 Centavos dafür eintauschen würden wollen. Der Grossteil wohnte nicht mal hier, die kamen eingeschwebt für schmales Geld, machten sich zum Klops in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof und überschwemmten dann die Dach…

Henrihorst schüttelte sich. Hörte er da nicht die Stimme des Klagens aus seinem Inneren? War er jetzt nicht zu abwertend? Hing DAS eventuell mit dem Älter-Werden zusammen? Er machte noch einen Bogen über die Simplon und  die Dirschauer. Auch hier: Männer-Moden (ja, die Jesus-Latschen- und Hirschbeutelträger-Kultur war hier gänzlich unbekannt), Schnickschnack-Boutiquen. Himmel, er musste es zugeben: eine Welt des Hedonismus, lauter rosa Katzen sprangen in den neuen Ausbildungsberuf zum Selbstdarsteller. Gutsch hatte in seiner heutigen Kolumne völlig recht, mal wieder; jaja, Kürbisse. Das ist aber auch der einzige Grund für die „Berliner Zeitung“, seit Boris Herrmann bei der Süddeutschen gelandet ist…

Der uralte Elektroladen in der Libauer musste ihn raus hauen! Er brauchte noch eine Ersatzbirne. Musste er nicht in den Baumarkt und jetzt kannte er wenigstens wieder das Ziel seiner Runde.

Pachulke sah in die Scheibe. Er erblickte einen verbitterten Besserwisser, der die Welt verachtete und die Logik verlernt hatte zu interpretieren. Die Figur zog die Schultern hoch und schlurfte in den November. –

Er erinnerte den Aufkleber und ein Sehnen setzte ein, langsam: Könnte er doch eine Gruppe kennen, zu der er gehörte. Vielleicht Sport. Wie war das? Traktor Boxhagen? Henrihorst  beschloss jäh, einen letzten großen Wurf zu wagen. Er würde die Sache aufklären und so taufrisch und psychisch unbelastet wie möglich dann zu dieser Truppe schlendern und sagen: „Tach, ihr Glückspilze, da bin ick!“

Und vermutlich würde ihm klar werden, warum die Lacktante ihn vorhin nach dem Studentenausweis gefragt hatte: Er würde wieder jung sein, seine alten (hier schmunzelte er erstmalig seit Wochen wieder: „alten“!) Tugenden könnte er  hervorkramen und den Humor aus dem Keller schaben. Er würde wieder studieren: das Leben, die Leute und die ballistische Flugkurve von Fußbällen! „Ja, das mache ich!“, er war sich sicher. Und erstand eine Handhalbe, wuchs um 5 Zentimeter, erweiterte seine Schritte und fand die Leute ringsum ausnehmend nett.

Die Adventsfetischisten würden bald wieder ihr Zeug in die Fenster gestellt haben, in diesem merkwürdigen Herbst zwanzigzehn, und er röche Mandeln, Zimt und Tanne. Henrihorst Pachulke indes fegte just und wohlig einen Wind unten heraus und erblickte seine Zukunft.

 

13.8.10: Die Einigkeit steht über allem! (Zur Saisoneröffnung 10/11)

Nachdem Ihr Autor jüngst mithelfen durfte, im Kirnitzschtal (nach Jahrhundert-Flut) Keller leer zu pumpen, selbst etwas tippeln konnte oder auch in Lagerfeuer starrte; nachdem die Waldmeisterschaft am Kap einen würdigen Sieger hervorgebracht hat (ansonsten war das Mundial doch eher langweilig, ähem) und nachdem die Biografien bestimmter Erdenbürger wieder kräftig durcheinander gewirbelt wurden, nach all dem nun widmet der sich also ein wenig den anstehenden Geschehnissen beim Balltreter-VFF und wagt diesen und jenen Ausblick.

Zu Traktor: Der stotterte sich wirklich nur noch durch letztens und lief zum Saisonende schlicht auf der Felge. Die beiden altersoffenen Truppen kamen auf dem 7. (Traktor I, VL) und 6. Platz (Traktor II, BL1)) in ihren Ligen ein, die 4ziger immerhin auf dem fünften. Unabhängig davon wurden diverse Turniere (recht erfolgreich – siehe hinten) gespielt und allgemein dem Namen „Traktor Boxhagen“ erneut Elsterglanz verliehen. Aus etwaigen Ungereimtheiten interner Art wird die Vereins- und Sportliche Leitung mit Sicherheit ihre Schlüsse gezogen haben und der Öffentlichkeit durchaus Interessantes bieten wollen. Eine Neuigkeit gibt es schon: Die KrachBummEnte übernimmt einmal mehr das Übungsleiter-Amt von ihrem Bruder, um die Spannung hoch zu halten und die letzten Zurückhaltungen aufzugeben. An dieser Stelle darf sich die Redaktion im Namen vieler Fanatiker beim TrosinaStäff, beim Garrincha und bei Jensen für ihre verantwortungsvoll wahrgenommenen Tätigkeiten bedanken!!!

Innerhalb der Ligen gibt es -gewohnt- ein munteres Wechselgehabe, an welchem sich die Boxhagener -ebenfalls gewohnt- nicht beteiligen (meint das gezielte Werben um Spieler – wer zu Traktor will, kümmet von alleine). Den Vogel diesbezüglich schoss der BFC Eichkamp ab, der seine beiden Top-Scorer zum Mitaufsteiger (LL) Umbau ziehen lies, um bei Mutante im Testspiel…(aber das muss ja alles nichts heißen).

Die Beinzauberer-Amateure aus dem Fuchsbau werden sich unter die Big 4 der Verbandsliga mischen (Sporting, Borussia, Hajduk, Raddatz) und dahinter lauern dann mglw. Südsee und Bison; Traktor wiederum sollte nichts mit dem Abstieg zu tun haben – wenn alle Traktoristen an Bord sind und die berüchtigte Boxhagener Kampfkraft implantiert ist.

Und hier kommen wir zur Überschrift! Neulinge in Boxhagener Reihen seien an dieser Stelle herzlich willkommen geheißen und älteren Cracks erneut zugerufen: Obschon Familie oder Bibliothek, das Amt oder Fabrik wichtig sind – Schließet die Reihen, seid Vorbild an Seele und Kehle, lasset Anmut walten und sparet nicht Mühe! Verkörpert die Aura des Hauffgrundes, stellet dar das Prinzip der Hingabe und lebet die Solidarität! Nur so gibt es Entwicklung und nur so werden sich die weinroten Potenziale entfalten können. Zack.

Die Zwoote trifft übrigens auf 10 (!) neue Truppen in ihrer Liga (BL I). Das spricht einerseits für die stetig zunehmende Attraktivität des Freizeit-Balltretens, andererseits dürfen Traktoristen gleichmal anfangen, die letzten Zeilen von eben ernst zu nehmen. Ebenso können die 4ziger einen gewissen Reifungsprozess (sic!) in der nächsten Spielzeit nachweisen und ihre „Kinderkrankheiten“ ad acta legen.

Eines steht fest: Traktor hat fleißig gelernt in den letzten Jahren von den Liga-Schwergewichten (selbstredend auch vom ehrenamtlich geführten Verband) und will zumindest in Sachen Fairness und Zuverlässigkeit genau dorten sich einreihen. Der Rest findet sich auch noch – Glück auf!

 

21.05.10: Doppelglatze is nich!

Oje, an diesem Vorbollwerk wäre doch niemand vorbeigekommen: Veron UND Cambiasso vor der entzückendsten Innenverteidigung der Welt (Pferd Demichelis/ Uns-Walter Samuel)! Diese DoppelSechs hätte das Dutzend vollgemacht und jeder Möchtegern-Angreifer (vom Zuckerhut, aus dem Herzen Kastiliens oder auch aus Hintertupfingen) würde sich akkurat in die Turnhose gemacht haben, allein El D10z entschied sich anders und ließ den Inter-Terrier vom Bogen entfernen. Das verstehe, wer will.

So gibt denn Ihr Autor seiner Hoffnung Ausdruck, daß Maradona zwar jede Pressekonferenz im Griff haben, sich bei der Mannschaftsführung jedoch eher dezent verhalten wird. Dann kann es etwas werden mit der „Albiceleste“ nachher am Kap!

In Berliner Freizeitligen indes geht es an diesen Vorabenden des Mundials heiter zur Sache: bei den Verbandsligisten spitzt sich der Zweikampf „Hajduk – Borussia“ weiter zu und interessante Truppen wie Südsee und Mutante, aber auch Traktor drehen noch aweng am diesbezüglichen Rädchen. Von Raddatz als aktuellem Meister redet just keiner, Zwischenphase. Mit der Landesliga kann eh niemand etwas anfangen (willkommen RFA und Bison bald im Oberhaus!) und sonstens dominiert der BFC Eichkamp im Bezirksliga-Maßstab (bitte beim nächsten Mal „Thor-Steinar“-Wäsche zu Hause lassen, sonst kotzt der Hauffgrund!). Bei den Oldies wiederum verhält sich ein gleichnamiger Verein besonders sozial und macht sich erneut einen Namen als bescheidene, sportliche und rücksichtsvolle Truppe – herzlichen Glückwunsch! Ein Liga-Auskenner äußerte jüngst dazu lapidar: „Horrido und Oldie – wenn Arroganz zu verlieren droht, droht sie.“ Bis auf weiteres hat sich Traktor Boxhagen zur Ächtung entschlossen…

Ansonsten tobt der Internet-Mob und die Volksseele blitzt am Ableiter: Hellas, Ölpest, Boateng, Transaktionssteuer. Was davon ist wichtig? Sehen Sie! Und wenn Sie denken, mit all dem immer noch nichts zu tun zu haben, so sei Ihnen zumindest anempfohlen, Zeit sinnvoll zu nutzen. Zum Beispiel so:

LP: Joanna Newsom/“Have one on me“/Drag City/2010 (wenn Klang schmecken und riechen würde: Mandelsturm mit Limette, Albatros-Kacke, Mathusalem-Rum aus Santiago de Cuba).

Buch: Steffen Mensching/“Lustigs Flucht“/Aufbau/ISBN: 978-3-7466-2305-4/9 Öre (…“Ist jemand 40 oder 50 Jahre alt geworden und hat sich immer noch keinen Namen gemacht -sagte Konfuzius-, dann braucht man vor ihm keine Scheu zu haben“…).

Film: „Paranoid Park“/2007/Gus van Sant (für ihren pickeligen Filius: halbe Körper und ganze Lügen, Skateboards und nervige Kichererbsen).

In diesem Sinne: frisch aufgespielt!

 

Boxhagener Frühjahrsglosse 2010

„Turnhalle“

Henrihorst öffnet unsicher das Kuvert. Sicher zwar mit der Hand, in der er das Werkzeug aus Damaszenerstahl virtuos gebraucht. Skeptisch allerdings, was den Inhalt anbetrifft. Sein Vater Bernhard schickt regelmäßig den Schmierstoff, sehr zur Unbill seiner Stiefmutter Rudolfine. Monatlich laufen 750,-€ auf, sie haben sich geeinigt. Nur heute sollte es etwas mehr sein, Henrihorst hatte S.O.S. nach Bieberach gefunkt – die Ausgaben jüngst waren einfach zu hoch. Und er hatte mit Ende Zwanzig noch immer nicht gelernt, schwäbisch-knauserig seine Finanzen zusammen zu halten. Glück gehabt, die Sendung ist perfekt!

Vielleicht hatte ihn das damals vertrieben, die Aussicht auf das Erbe der kleinen Glasbläserfabrik in vierter Generation. Seinen Halbbruder konnte er schon bei dessen Geburt ausstechen: Down-Syndrom. Er nahm es Rudolfine bis heute krumm, als ehemalige Angestellte im Vertrieb mit 40 noch seinen Vater angebaggert zu haben! Er wollte nicht in diesem Pissnest hängen bleiben, weg, weg! Irgendwie kam nur Berlin in Frage und ein Kamerad aus der Burschenschaft „Germania“ hatte ihm die angemessen langweilige Ein-Zimmer-Wohnung in einer ehemaligen Schule besorgt.

Fern hört man zwar die Gleise in der Wühlischstraße quietschen, nah jedoch befindet sich die „Turnhalle“. Dort wird er regelmäßig für drei Stunden vorstellig und konsumiert akkurat seine 2 Tannenzäpfle, während er die „Süddeutsche“ auswendig lernt. Der Biergarten ist lau und von seinem Posten aus kann er an der Gesellschaft teilnehmen: Hier stört ihn niemand an seinem Zweier-Tisch und wenn er das Glas hebt, steht sein rechter kleiner Finger sendungsbewusst ab, ganz aristokratisch. Und genau in dieser Sekunde erinnert sich Henrihorst Pachulke, völlig überrascht jedes Mal, an die Szene in „Once upon a time in the west“, wo Robert de Niro handgestoppte dreieinhalb Minuten mit dem Löffel in der Kaffeetasse herumrührt. Mit diesem abgespreizten kleinen Finger. Sonst passiert rein gar nichts in dieser Sequenz. Und hier nun lässt er sich fallen und darf in aller Ruhe unter freiem Himmel reflektieren. Sein Sein, sein Wollen und sein Haben.

So richtig froh ist er ja bisher hier nicht geworden. Studium abgebrochen, zuviel Gras im Berghain, und die Berliner – na ja. Rüde und unfreundlich! Er beispielsweise achtet immer auf sein Äußeres: Langer Scheitel, große Hornbrille, lässige Hemden, stylische Hosen und neueste Sneakers. Gepflegte Umgangsformen, mindestens liberal – Tendenz konservativ. Neulich hat ihm ein angetrunkener Einheimischer vor der „Hexe“ hinterher gerufen: „Manndu Spinna, kieckma wiede rumloofst! Buxen inne Kniekehle, keen Muskel am Arsch, fettje Haare, aba dicket Jeld von Papa, wa. Vapissda bloß, du Neandatala!“

Das tat weh. Er wollte doch eloquent sein, niemand sollte seine Einsamkeit bemerken. Nur er erwischte sich öfter bei seinem allzu lauten Lachen, wenn er mit fast fremden Leuten eine dieser lässigen „Drittes Jahrtausend – Jeder ist wichtig!“-Partys feierte. Na schön, er war unabhängig, ja, er mäanderte durch die Tage und sah nachts heimlich seine Pornos. Er fühlte sich allein.

Henrihorst war dann eifersüchtig auf die Familien, die tuschelnd und lachend mit ihren Kindern über die Hundekacke-Spielplätze zogen. Die armen Schweine, dachte er offiziell, die müssen ackern und diese Schreihälse erziehen, oh Gott! Ich dagegen kann tun und lassen, was ich will, ha! Naja, aber jeden Morgen alleine aufzuwachen? – Tief in sich drinnen war er überzeugt, dass es da noch mehr geben könnte. Aber erstmal hatte er auf einen Kühlschrank verzichtet – so schöne nette Läden hier! Und ständig offen, ich geh mal meine Runde machen: Latte hier, Torte aus Wien da, italoschinkig dort und die Fussgarage in der Dach. Ich glaub, ich kauf mir lieber einen Hut! Oder doch eine Tasche in der Kopernikus „Ich, ich, ich!“? Oder halt, der Schlüpferladen, der Modeladen, die fesche Eisdielerin – was ihr wollt, alles vorhanden für ein Leben in Freiheit. Dann liegt dieser süße Duft der Unfehlbarkeit in der Luft und seine Hand zuckt zum Schnipsen nach den Frauen. Er ist dominant, anziehend, weltmännisch. Er hat Zeit und Charme, eine zwingende Kombination von Killerfaktoren…
Gut, manchmal machte er innerhalb eines Anfluges der Assimilation einen Ausflug zu „Hellweg“ am Ostbahnhof. Ein Nägelein oder ein Dübelchen? Reiner Vorwand. Wichtig war die Phase nach der Kasse: Da bestellte er einen Strammen Max oder so Zeug; wollte sich was von den Hobby-Gärtnern abschauen, wollte verstehen dieses Harte, Kurze, Herzlose; musste sich aber verstecken in der öden Baumarktfassade. Sein Dialekt verriet ihn doch immer und er wusste, dass er nicht wirklich dazugehören wollte. Trotzig verbrachte er dann oft ganze Nachmittagabende im „Intimes“ in der Boxhagener/Ecke Niederbarnim. Wenigstens hier konnte er verschmelzen mit der Leinwand, den Ausdünstungen des alten Ofens und dem Gekicher der Kiezschnatterienchen.

Henrihorst nimmt aus den Augenwinkeln eine Horde krakeelender und lachender Männer wahr, mit nassen Haaren. Die bestellen Bier. Viel Bier. Wie schön hätte der Nachmittag werden können, der Frühling ist da und wickelt mit seinem Netz aus Vogelgezwitscher alle Sorgen ein…

Eine Bekannte hatte letztens einen Laden in der Lehnbachstraße eröffnet: „Spätzle und Spitzen“. Das war genau das richtige für ihn, denn dort konnte er „Heimisch essen“ und sich geborgen fühlen, andererseits den italienischen Touristinnen beim BH-Kauf über die Schulter sehen. So würde er alt werden wollen. Seltsamerweise hatte er gar keine Pläne für die Zukunft und im Grunde musste er feststellen, dass sein Aktionsradius sich zwischen den Friedrichshainer Feinkostläden, der Turnhalle und der alljährlichen Pflicht-Heimatfahrt bewegt. Irgendwie ist er nie dabei, wenn seine flüchtigen Bekanntschaften ihn mitleidsvoll zum nächsten Korfu-Trip einladen. Es kommt nicht dazu, er hat Angst. Bindungsangst. Aber das darf niemand erfahren, er übertüncht diesen Makel mit ständiger Präsenz in der Schickeria: Laufstege, Vernissagen, Bar-Eröffnungen, Thai-Massagen. Danach ist er immer leer, erledigt, einsam.

„BFC oder Union?!“ Erschrocken fährt er hoch. „Wie meinen?“ „Beäffßeh oda Ohnjohn, du Pappnase!“ Ein vierschrötiger Kerl vom Nebentisch starrt ihn mit verquollenen Augen an. Bedrohlich. Scheiße, das ist Berlin, er fühlte es. „Kenne ich nicht, ist mir unbekannt.“ Kommt er damit durch? „Jätz hörmaßu du Eiermaler, wir sind hia in Boxhagen, Pissnelke! Und wenn ick Krach suche, stell ick die Standardfrage, Brille!“ Am Rücken des kräftigen Typen in einem weinroten Trikot fingert ein Beruhigender. Zieht ihn langsam weg und ruft: „Elke, bringma nochne Trommel!“ Die pummelige Kellnerin schaut angewidert: „Wie heißt das Zauberwort mit 2 T?“ „Flott!“ brüllen die Feiernden, offensichtlich eine Fußballmannschaft. Schallendes Gelächter, die Geschäftleitung schaut prüfend um die Ecke. Gäste, so wie Henrihorst einer ist, sieht man hier lieber. Der Anführer jedes Mal mit zackiger Stimme ruft: „Wer Traktor liebt und seine Einigkeit, der trinkt auch eine Kleinigkeit – hopphopp, hinein inn Kopp!“

Der Kräftige lässt nicht locker: „Okeh, du Mondooge, nächste Frage: Bietils oda Schtohns?“ „Ich kenne nur Robbie Williams.“ Henrihorst sieht sich der Schande der späten Geburt ausgesetzt. „Wat, dehnkennste? Kannste aba vajessen, du Flasche!“ Alles dreht sich, der Typ vor ihm verschwimmt leicht und seine Krankenhausphobie beginnt sich zu aktivieren.
Noch bevor Pachulke die Situation gänzlich erfasst hat, sitzt der Beruhigende wieder vor ihm und sagt: „Rotation!“ „?“ „Rotation musste antworten, dit war der Vaein der Drucker. Damit liegste imma richtich, weil keene Büffze und keen Eisana sich mippm Drucker anlejen würden, vastehste?“ „Etwas. Ich bin nicht von hier.“ „Beidie ßweetn Kwißfrage sagste: Faces, wa. Mit Rod Schtjuart on wokälls und Ronnie Wudd am Zupfteil. Biste fein raus und ßudemn Auskenna. Klar?“ Und: „Weeßte wat, komma rüba ßu uns, du Grashalm, für dich rauscht heute sowieso nüscht bessret mehr ummde Ecke!“

Wie in Trance erhebt sich Henrihorst; hat in 15 Minuten zwei Halbe hinter der Binde und beobachtet durch eine Nebelwand das wüste Gelage der Horde. Ist Teil dieser, riecht den Schweiß und sieht Bizepse, feurige Blicke, hört leidenschaftliche Debatten über irgendwelche Spiele von anno rückwärts und atmet die einzigartige, sich ständig dynamisierende Atmosphäre des ewigen Schulterklopfens, des Zuprostens und des ehrlichen Lachens förmlich ein.

Henrihorst Pachulke häutet sich. Genau jetzt entschließt er sich, endlich seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen: endlich mal nicht scheu umher blicken, nicht diesen ewigen Selbstzweifeln ausgesetzt sein! Er ist just Mitglied der Gruppe, ein Gleicher unter Gleichen. Das tut gut. So gut und wohl wie ein Rosskastanienbad nach einer langen Wanderung in Kindheitstagen. Ah, Kindheit – sorgenfreie Zeit! Die Typen von „Traktor Boxhagen“ singen, scheren sich einen Dreck um Ermahnungen der Umsitzenden. Die ihrerseits wissen nicht, dass er Pachulke aus Bieberach ist, ein unromantischer Aufschneider, ein erfolgloser Schnösel, ein Jammerlappen und Kulissenschieber, ein Hedonist und Nerd. Die denken, er sei auch Fußballer, wahrscheinlich sogar der Torschützenkönig, und haben Angst vor ihm. Angst vor IHM!

„Höre, Knalltüte, kommste marum inn Hauffgrund, wa. Zun Zukicken, oda?“ Bei Henrihorst macht es „Klick!“. Warum nicht. Ja, raus aus der Turnhalle und rein ins Stadion!

 

01.03.10 CSNY vor der Wiedervereinigung?

Der Jänner diesen Jahres zeichnet sich durch Kälte und Schnee aus; Plätze sind gesperrt plus Generalabsage seitens des Verbandes. Was tun? Na sich einladen lassen zu einem mopsfidelen Hallenkick! Zu diesem Zwecke bohrt man alte Bekannte an und schon läuft der Hase…

Im Ritterkiez gibt es eine Halle, die genau richtige Voraussetzungen hat: Rang und Elektronik für Zugucker, Durchsagen und Spielstand/Zeit. Dies Gebäude nun konnten die Hansa-Leute an einem schönen Sonntagmittag belegen und hielten so doch tatsächlich einige Traktoristen davon ab, zu Karl und Rosa zu gehen. Hmmm.

Aber die kompensierten das, indem ihre erste Garnitur gegen die doch ehrwürdigen Grauhaare das Turnier gewannen. 2:0, 3:0, 2:1 (alles gegen Hansa-Mannschaften), 2:0 (Bruderkampf gegen Traktor II) sowie 1:1 gegen den schon als Letzten feststehenden FSV Wannsee. Der Maler und Sterni hielten hinten dicht, Graf Schenk war wie je der Dreh- und Angelpunkt der Boxhagener und vorne verfügten Hurricane und der Große (mit seinen Flamingo-Knien einfach nicht zu halten; machte Fallrückzieher und solch Zeug…) ein Torgewitter allererster Saale. Knaua wollte keines kriegen, war illusorisch.

Die Zwoote sah auch ganz nett aus (Schaffi für 2 Spiele im Tor, danach KastenMicha, Fratzschi, Ali, Ahmet, Schildkröte und Janis). Der Capitano konnte zweimal treffen (dessen Entwicklung ist stetig) und der Garrincha bugsierte einen Ball ins rechte Dreiängelchen, so wie es wohl nur er kann. Lediglich die Abwehrorganisation war mangelhaft und so verloren die öfters noch in letzter Sekunde. Jedenfalls die Siegerehrung wurde von einem weinroten Scheinwerfer angestrahlt.

Der Traktor-Vorstand übrigens plant jetzt schon das beliebte Juli-Turnier im Schönen Hauffgrund und wie man abseits hören konnte, soll es ein größeres Ding werden. Soso.

 

Eine Nachricht aus der Kälte – 21.01.10

Nun gehen die nicht ausgelasteten Freizeitballtreter ihren Familien vermutlich sehr auf das Gemüt – bei all dieser Untätigkeit kommen mitunter gar seltsame Züge des Charakters zum Vorschein! Schuld daran soll sein der Schnee, welcher in all seiner Herrlichkeit das Bespielen der Teppichplätze verhindert, naja. Gestern übrigens gab es mal wieder so einen Moment, in dem die unbeschreibliche Aura des Hauffgrundes ihre volle Blüte entfaltete: Schildkröte und Ahmet üben Freistöße, knöcheltief im Hobbypulver herumstolpernd. Das Flutlicht potenziert das Glitzern der Kristalle. Alle dreißig Sekunden knirscht sich eine Skilangläuferin heran, um monoton (scheinbar) ihre Runde hinter den Toren zu drehen. In eigener Loipe. Sie schaut immer kurz, ob der Ball nicht doch mal auf den Kasten kommt; dann bräuchte sie nicht zu unterbrechen. Ihr Autor sieht sich die Szene mit Martin vergnügt an und geht dann mit dem in dessen Kabuff, um zum „Nagen am Hungertuch“ noch schnell einen Kräuter zu ziehen. Freizeitfußball Fehlanzeige.

Die so genannten Professionellen haben da ganz andere Sorgen. Geldsorgen. Ein großer Klub einer mittelenglischen Großstadt kann aktuell nicht nachrüsten und einem ewiglich Gummi kauenden Schotten (der hat mal ein Elfertreten gegen Berliner verloren, anno rückwärts) macht das nichts. Was interessant ist: Im letzten Sommer ging sein Stürmer mit dem fürchterlichen Aussehen zum Lokalrivalen. Und schoss ihn letztens ab – 2 Trefferchen des „Apachen“. Der Titel des heute im Sportbuch der Berliner Zeitung erschienen passenden Artikelchens übrigens lautet: „Traktor gegen Rakete“. Carlitos misst zusammen mit seinem Kollegen „La Pulga“ bei der Albiceleste ungefähr 3,40 m in der Länge, übereinandergestellt. Kontrahenten hingegen werden höchstens als Sitzende auf Schultern von Giganten die Sache sich ansehen. Am Kap der Guten Hoffnung. Insofern kann Ihnen Ihre Redaktion nur nebenstehende Ansetzung empfehlen – wann es beim VFF weitergeht, weiß nicht einmal Petrus und der Rest Fußball ist Schietendreck. Glück auf!

[collapse]

 

Zeitung 2009

Boxhagener Weihnachtsgeschichte

„Mischbatterie“

Henrihorst Pachulke stutzt: Wummert es da nicht an der Türe? Es ist ihm gerade so wohlig zumute und dann das! Kann nicht sein, darf nicht sein! Warm umspült das Wasser seinen runzeligen Körper und soeben hat er den Hahn zugedreht. Einmal jährlich nämlich gönnt er sich ein Vollbad. In seiner Duschtasse. Er badet quasi im Stehen und nur er allein weiß, wie viel Zeit mit dem Abdichten draufgegangen ist, welche mannigfaltigen Kniffe er anzuwenden hatte vorher, um den Druckausgleich herzustellen. Natürlich hatte er von dem Phänomen gehört („Wasser hat die größte Kraft!“) und also überließ er nur wenig dem Zufall – schließlich sollten die Plasteglaswände noch eine Weile halten. Obwohl er nicht wie andere dieses Spezialwerkzeug benutzte, dieses „Teil-zum-Wasserstreifen-abziehen“. Er war doch kein Fensterputzer und außerdem floss nichts, was nicht aus der Brause kam beziehungsweise Schampong war, in den Ausguss… Reinlich bin ich wirklich, dachte er.

Klopfte es? Entfernt hört er Geräusche, ähnlich dem Krakeelen des ewig quängelnden Hausmeisters, wenn der sich über den Hundekot auf den Trottoiren mokierte oder aber etwas zu deutlich von „vülle Außlända hia“ brabbelte. So ein Holzkopf! Der war bestimmt noch nie in Etjopiän gewesen und durfte Regenwürmer essen, denkt Pachulke, vor Spott leicht untertauchend. Das nun ist der schönste Moment des Jahres, wenn er sein von Flechten und Schuppen übersätes Haupt eintunken darf in das 39.87°C warme Wasser; wenn er seine letzten Haare dem Nassen Element preisgibt. Das Wasser berührt leicht die Oberlippe und umspielt seine Nasenhaare. Dann immer verspürt er eine Macht, die wie eine Droge über seinen Schrundkörper kommt und seine Gedanken können für einen Augenblick frei sein. Es bedeutet Ekstase und Besinnung zugleich, er darf das Jahr Revue passieren lassen und kann hinterfragen all die Sachen, die missmutig machten, die unerledigt geblieben sind und die er zumindest gerne hätte machen wollen. Er rechnet ab, nur vor sich selbst, nur mit sich allein. Henrihorst ist Ankläger, Verteidiger und Richter. Das ist der Moment, wo er sich als Persönlichkeit wahrnimmt und mächtig sich fühlt, Dinge beim Namen zu denken, immerhin.
Er muss Wasser nachlassen, seine Linke sucht den rechten Hahn. Nicht das mir noch die Schultern frieren!

Jetzt drängeln sich die Gedanken, und während seine Hände über die stumpfe Glatze fahren, fällt ihm auf, wie doch die Zeit vergeht: Früher, in der Ära des Paten „NewChurchner“, gab es das Bermuda-Dreieck „Paules Metal-Eck, Publicity und Tagung“. Mehr war nicht da im Kiez an korrekten Kneipen. Gut, der Feuermelder am Boxi. Aber der war damals noch eine Pinte, wo Leute drin hockten, die damals aussahen so wie er heute. Erschrocken fährt er hoch, prustet und kichert. Ja, der Vergleich gefällt ihm. Dazwischen lagen nicht Äonen, aber immerhin Lichtjahre. Was palaverte der Astropauker in der Zehnten? Lichtjahr=9,4605mal 10hoch12km. Phantastisch, dieser Teil seines Hirns ist intakt geblieben!

Wieder pocht es. Sollte es an seiner Wohnungstüre sein? Er rechnet mit keinem Besuch, obwohl es immerhin Heiligabend ist jetzt; fällt ihm just auf. Er nimmt seinen Gedankengang: Jedenfalls jetzt gibt es in den Gassen aneinandergereiht Klamottenbutiecken (Babystrampler ab 80 Piepen, locker), Fressluken (Mann, wo nehm die bloß die Kohle her und gips bei denen inne Hütte übahaupt nochn Herd?) oder eben diese „Restorangs“. Die Gaspilze sind zwar weg, aber Massen von Leuten schieben sich jeden Tag durch die Dach, die Wühlisch, die Krossener. Glotzen, sprechen schwedisch, südkoreanisch oder spanisch, okkupieren die von einer Handvoll Familien kontrollierten Säle und denken, sie hätten gerade jetzt als Tourist alles richtig gemacht, päh! Könnsenichwissn!

Henrihorst war zweimal Tourist in seinem Leben: Einmal gab es Ende der Achtziger durch Zufall (sein Chef und Vorheizer war plötzlich verstorben und nur Pachulke wusste, dass es die Leber gewesen sein musste – so oft, wie sie nach dem Schippen den Klaren zwitschern ließen!) eine Auszeichnungsreise nach Bernburg, sommers. Ja klar, da brauchten sie auch niemanden im Heizhaus. Bernburg war schön. Aus der Pension ist er fast nie raus gekommen und das Essen war beim Anblick der adretten Kellnerin immer hervorragend. Schwer verknallt (und extrem übergewichtig) verließ er den Ort nach 2 Wochen wieder. Zurück in seinen Kohlenverschlag. Irgendwie hat er die Kurve nicht gekriegt, alle seine Geschwister, Vettern und Cousins praktizierten das Erbe des Kohle-Barons Pachulke. Eine reine Erbdynastie, nur er, Henrihorst Pachulke, fiel dem sozialen Abstieg anheim. Irgendwann hatte er sich damit abgefunden und seine größte Genugtuung empfand er immer in den Augenblicken, wo er sein Schicksal zärtlich schminken konnte. So auch jetzt.

Wieder muss er nachfüllen und er fingert nach der Mischbatterie. Herrlich, ständig neues heißes Wasser dazu!

Und dann der Tod seiner Schwester – da musste er erneut reisen. Bingen. Seine Schwester hatte er nie gesehen und dann also wirklich nie und jetzt, gerade jetzt fällt ihm auf, dass immer der Tod seine Reisen veranlasste. Wie unangenehm. Immerhin konnte sein eigenes Ende auch eine interessante Note bringen, diesbezüglich, soviel war gewiss, möglicherweise.

Aber die Lebendigen, die zwei, die er wirklich gut kennt, waren ja noch da! Wenn er mit Ehrenfried Sachse und Uwe Bellmann sich trifft in ihrem Schankstübchen, kauen sie immer die gleichen Themen durch und es ist, als ob sie in einem Heißluftballon durch die Welt fuhren: Kein Windzug, kein Widerstand, ja fast wie eine Zeitmaschine, eine, die „Stehen bleiben“ machen konnte. Etwas Fußball, die Preise bei Albrechts oder die Sorgen der Beiden mit ihren Gattinnen. Ach, seufzt jetzt Henrihorst, ob die alte Siepmann in der 6 noch da ist? Früher hatte er sie mal tanzenlernen wollen, sich aber nicht getraut, anzugreifen. Heute ist er allein geblieben, ein Hund kommt nicht in Frage. Die Blumen auf dem Balkon, darum kümmert er sich gerne. Neulich ist sein Fernseher kaputt gegangen. Er war nicht bestürzt und beließ es einfach bei der Situation. Hatte eh immer den Verdacht, dass die mit ihren Glitzerreizen es doch nicht ernst mit ihm meinen. Naja.

Laute Stimmen dringen ins Bad. Er wird sich doch jetzt nicht stören lassen! Noch einmal Heiß bitte!

Langsam sammelt sich Pachulke. Er hat gehört, dass zu langes Baden auch nicht gut sein soll. Schließlich ist die Haut das größte Körperorgan und seine Füße schmerzten schon etwas. Also Heiligabend, ja! Gestern gelang ihm noch der Kauf des Jahres: Keine Lust auf Weihnachtsbaum verspürend, erstand er eine „Tanne im Mantel“. Immerhin für 9,50€, in der Falckensteinstraße. Das Ding ist niedriger als sein Rumtopf und als beide Utensilien zum direkten Vergleich antraten, klatschte sein Durst den größeren Beifall.

Jetzt mischen sich Klingelton, Pochen und Wummern und langsam, ganz langsam beginnt es Henrihorst zu dämmern, dass dieser Lärm konkret ihm gilt. Wieso aber?

Und jäh wird ihm klar, was los war! Wie jedes Jahr würden die inzwischen viermal verheiratete Untermieterin und der Hausmeister im Treppenflur stehen, mit stechendem Blick und schwerem Atem. Horch, was kommt von draußen rein! Er würde verängstigt und im Angesicht des völlig unter Wasser stehenden Badezimmers seine Duschtasse aufreißen und dies machte die Sache natürlich schlimmer. Durchhetzend den Korridor, fiele sein Blick auf den „Traktor Boxhagen“-Aufkleber, den er etwas oberhalb des seit langem überflüssigen Briefschlitzes drapiert hatte (innen natürlich, für draußen fehlte es ihm noch an Mut). Ein paar Blitze würden dann zucken in seinem Hirn, er würde sich an zwei, drei markante Augenblicke erinnern: an den Linken Huf der Sphinx im Friedenau-Spiel etwa oder die Ratten anfänglichen der Brüder beim Bowling. – Er würde aus der Kleinkammer sich die Kehrschaufel noch greifen, die Fliesen und die Baddecke nässen und so den Hämmernden nach Einlass bedeuten, wie er das Wasser schon mit allem Engagement immer wieder in das Becken versucht hatte zu verbringen. Vorwurfsvoll mit dem Finger nach oben zeigend, würde er gequält sagen: „Es hört schon langsam auf, ich regele das mit dem Obermieter!“ Verflucht, alle Jahre wieder!

Dann macht er auf.

 

Saisoneröffnung 09/10
-zurück aus Honduras, auf Hondas rasen- (20.08.09)

Vor nicht allzu langer Zeit verkündete der Kundesbanzler eines sich aktuell im freien Fall befindenden politischen Vereines (nachzuerleben spätestens bei den Wahlen zum Bundestag) die „Agenda 2010″. Wohin das führen kann, durften sicherlich schon einige Berliner Freizeitfußballer erleben, sind sie doch im wahren Leben nebst einigem auch Väter, Studenten, Lehrlinge, Arbeiter, Bauern, Angestellte, Angetraute, ja sogar Unternehmer. Da stellt der Freizeitsport ein nicht unerhebliches soziales Netz dar, wenn man im Absturz die Fratze eines ehemaligen Personalmanagers (Kraftfahrzeugsbranche) gleich 4mal unter sich diabolisch grinsen sieht. Aber es muss nicht immer im Alkohol enden, denn:

Es existiert ein Gegenentwurf (damit „Herzlich Willkommen!“ zur nächsten großen Fußispielrunde – man kann es ja kaum mehr erwarten) und so bringt bspw. der Balltreten-für-Jungs-Verein „SV Traktor Boxhagen“ mittlerweile 3 Mannschaften innerhalb des VFF-Verbandes an den Start: Gewohnt die Erste (Verbandsliga – nach hervorglänzender Spielzeit letztens), ebenfalls die Zwoote (interessanter Findungsprozess inklusive Abgabe einiger Cracks nach oben) und neuerdings auch eine Ü40-Truppe. Da ist offensichtlich einiges neu durchmischt worden und man möchte den Traktoristen viel Freude und Stehvermögen wünschen – verleihen sie doch jeder Liga stets einen ganz speziellen Glanz! Ob dies erneut Realität wird, hängt sicherlich vom Organisationstalent vieler, einer gewissen Ernsthaftigkeit aller, vorrangig aber vom Respekt untereinander ab. Kann das hinhauen? Schälten und schälen sich die Charaktere heraus und werden die Traktoristen erneut in ihre bekannte Gemütsruhe sich hineinzupopeln in der Lage sein, um dann als Kollektiv voller Kampfesmut wieder aufzuerstehen? Viel Erfolg dabei, bitte aufpassen! –

Im übrigen gilt es zu konstatieren, dass tatsächlich mehrere „I.“ und „II.“ unterschiedlichster Vereine gemeldet haben und sogar eine neue Staffel in der BL aufgemacht wurde, nicht uninteressant – man schmunzele nur: „Ballcelona“! Ebenso aber verabschiedeten sich diverse Kapellen, so aus der VL die Aktivisten des Runden Balles (32er), Aufabschwung Pankow (gänzlich raus) oder die Eintracht aus Mahlsdorf (leergekauft). Auch ging die Prognose in Erfüllung, wonach RFA und Bison (zudem SF 79) die BL schnell verlassen würden. Ihr Autor wettet n`e Kiste Wasser, dass wenn RFA einen halbwegs cleveren Tormann hat, durchstartet… Ü100 wiederum verhält sich ähnlich wie Traktor und die älteren Friedrichshainer freuen sich schon auf ein Wiedersehen in der Rentnerliga. Allerschönstens hört sich nun folgende Paarung an: Nordpol versus Südsee! Da stellen wir doch einmal gerne das uralte Rätsel in den Orbit: Fressen Eisbären eigentlich Pinguine? Und wenn ja, ab wann?

Sie, lieber Leser, werden jedenfalls weiterhin exklusiv aus dem Traktoruniversum Kunde bekommen und sind gleichzeitig aufgerufen, das Grundanliegen des Freizeitkickens beispielhaft in Berliner Landen unter die Leute zu bringen. Das zumindest steht auf der „Agenda 2010″ von Traktor Boxhagen. Auf geht’s!

 

Traktor in den Fernen

4 Geomanten (jene, welche die spezielle Aura eines Ortes erkunden) am 18. Julei 09 unterwegs! Ursprünglich sollte der Keller einer Brauerei mit berühmten Namen (Gegenteil von „ergiebig“, „reichlich“, auch: „in Fülle“) am Murnauer Staffelsee frequentiert werden. Wollten sehen und schmecken die Bernstein-Kaltschale vom Hahne. Nur: Schon sind die Berliner S-Bahn-Surfer die ärmsten von den always the Gelackmeierten, allein auch im Münchner Umland gibt es Arges diesbezügliches. So blieb unseren Vieren dieser Weg verbaut und am Ende wurde es doch wieder Kloster Andechs. Aber das soll hier kurz erwähnt werden, die sich zugetragene Sache!

Fidel und verzaubert, gänzlich unter dem Eindruck erlaubter Substanzen und eines gewissen Kartenspiels handelnd, war sich das Quartett im schönen, verregneten Herrsching an den Ufern des Ammersees spontan einig, die traditionelle Aufstiegsroute für japanische Rentner (40min.) zu wählen und kämpfte sich derart durch Regen, Schluchten, Hoch- und Tiefwald und immer auch Regen. An entsprechende Kleidung oder anderer Vorsichtsmaßnahmen war bei den Euphorikern nicht gedacht worden, es regnete ja nur. Egal, „Re“ wie Regen, U9, U6, Kontra, Fuchsbremse, Charlie Müller! Also, wie erwähnt, es regnete. Doch irgendwann kommt jeder noch durch eine kahle Hose in Canossa an und so breitete sich, indem der Fuß vor das Andechser Klostertor gesetzt wurde, auf dem Berge ein lieblicher Glockenton aus und der Himmel riss auf, tauschte dunkelgrau gegen hellgrau – kein Regen mehr. Freundlich grüßte der Zwiebelturm, ein enormes Volksgemurmel drang in die Ohren der patschnassen Ankömmlinge. Was dorten dann passierte, würde erzählt in Gänze ja völlig den Rahmen diese Blattes sprengen, nur soviel: Maßn, Hax`n, Dampfnudel, Kräuter…

Vielleicht aber Dieses hier, Das kann erwähnt werden: da setzten sich hinnieder unsere Geomanten, leichte Anerkennung silberblickte aus den Augen der Umsitzenden. Ah, knallharte Wanderer! Es zog sich dann einer der viere seine nasse Pelle über die Rippen und zum Vorschein kam das neue Nicki des Fanblocks „Eifabibbsch!“ von Traktor Boxhagen. Boah! Das Tuscheln erstarb, der sonore Singsang brach ab, eine schreiende Stille breitete sich aus.

Wissen Sie, was Ewigkeit ist? Dieser Moment; stumm und respektvoll staunten die Massen. Gsuffa!

 

Sommerglosse 09

Hernrihorst liegt danieder. Voll von Schmerz, den eine gewisse Anormalität im 5. Lendenwirbel hervorbringt und allein gelassen von der Welt. Die Zeiger sind aus der Uhr gesprungen, er kann keinen klaren Gedanken fassen und die Versäumnisse und Fahrlässigkeiten seines Lebens türmen sich vor ihm auf – eine einzige Anklage. Er hasst diese Momente der Abrechnung, sie häufen sich in letzter Zeit. Natürlich weiß er, dass vieles hätte konsequenter ablaufen müssen, vielen Unsinn er sich hätte ersparen können.
Und nun, da die Erkenntnis gerade im Begriff ist, die Herrschaft über sein Selbstmitleid zu übernehmen, zieht Henrihorst (wie öfters schon erprobt) sein letztes Trumpf-As aus dem Pyjamaärmel: Wohlig suhlt er sich blitzartig in die Welt seiner Träume hinein, in die Welt des runden Leders und der Leute, die genau nach diesem Ding in der Gegend herumhecheln…

Letztens lungerte im Foyer des Hotels ein Büchlein auf den vergoldeten Kassiberkästchen.
Das ist manchmal so und Henrihorst fand die Idee auch großartig: Habe ich etwas ausgelesen und stelle es nicht in mein Regal, stelle ich es in die Öffentlichkeit. Dermaßen verödete noch nie ein Kinderbuch oder Aufklärungsliteratur, was braunen Mist im Netz betrifft; immer waren die Schmöker spätestens nach 24 Stunden weg. Immer war also jemand da, der sie übernahm und brauchte – ein Büchermarkt ohne Händler und Geld quasi, eine Drehscheibe des Schenkens. In diesen Momenten wurden Henrihorst die schwäbischen Mitbewohner, die ihre Dritträder überall rum stehen lassen und so dem Veloberufspendler jegliche Hofparkmöglichkeiten nehmen, aber andererseits schwerstens ihren Kinderkult zelebrieren (mit raumschiffähnlichen Transportmitteln für 2-jährige, die mit Sicherheit zum Audi nach Abschluss der Privatschule dann geworden sein dürften), ein klitzekleines Stück sympathischer. So von Minus 10 auf Minus 9 skalenmäßig hochgerutscht. Deibel! Jedenfalls letztens kullerte ein warmes Rot durch Henrihorstens Augenwinkel und er erspähte den Namen „Nick Hornby“ auf dem Titel. Jaja, „Slam“ und „High Fidelity“! Hatte er mit Vergnügen gelesen und dann seinem Sohne weitergereicht! Und da stand sie nun, die Geschichte, die einst Mitte der Neunziger für so viel Aufsehen sorgte (Arsenalfans wissen, was jetzt kommt): „Fever Pitch“! Das konnte nur IHM gehören jetzt, nur ER konnte gemeint sein und so griff er zu, zwängte das Büchlein unter seinen gewaltigen Deutschleder-Kaftan und verbrachte es in seine Bibliothek. Da lag es dann einige Tage, bis heute.

Und Henrihorst liegt danieder. Sein Heizkissen läuft auf 20 Knoten und seine Gedanken umsegeln die Milchstraße des Fußballs. Früher hatte er eine Abmachung mit sich: „Du vergisst bitte nie, dass die schönste Nebensache der Welt vor allem eine Nebensache ist!“ Damals köpfte Jürgen Seifert eine rudimentäre Flanke von Schmidtchen ins Tor, auf einem Schotterplatz im Moskauer Südwesten. Jürgen Seifert – Fußballgott. Es gab tolle Briefmarken dort zu kaufen, für wenige Kopeken. Gerd Müller, München 74. Gianni Riva, Mexico 70. Pele, Stockholm 58. Das komplette Programm! Nachts unter der Bettdecke wurden heimlich im Taschenlampenlicht die Favoriten durcheinander gewürfelt, meistens siegte ein Paraguayo ob des schönsten Trikots. Dann das 78er Endspiel, Buenos Aires. Argentinien gegen Holland, Typen auf der Mattscheibe: Neeskens, Nanninga, Kempes, Luque. Menotti hat der Junta nicht die Hand gegeben und alle Welt murmelte etwas von einem 16-jährigen Wunderknaben…

1980 dann stand Henrihorst selbst im Endspiel, als Zuschauer in einem Stadion am Pappelweg, mit großer elektronischer Anzeigetafel. Es ging um die Verteidigung des DDR-Meistertitels und in der 77.min körperte der Gastgeberlibero mit der Nummer 3 ein, Sieg, Jena am Arsch! Dann kamen St.Etienne (mit Platini), Villa und Aberdeen (mit Ferguson als Coach) in die Schüssel. Stuttgart im Winter in Berlin, rüber übern Zaun, orangener (!) Ball. Oder vorher: Nottingham wurde Europapokalsieger der Landesmeister. Nur HaJü legte denen in England den Ball ins Netz. Noch nie konnten Teutonen bei den Inselaffen gewinnen! Rundfunkübertragung mit einem Ohrstöpsel (Lichtaus und Nachtruhe wegen Zeitverschiebung!), Freudentränen im Kissen!

Alles neben dem Alltag, war ja nur Fußball. – Nun liest Henrihorst in „Fever Pitch“, jetzt ist die Zeit gekommen, sich abzulenken vom Hexenschuss. Elektrisierend. Hornby ist fast gleich alt, stellt er fest. Wir beide durchschreiten die Adoleszenz noch einmal gemeinsam, finden und verlieren unsere Mädchen, unseren Verein, nur er -Hornby- ordnet alles dem Fußball unter, damals schon. Aber eines fesselt Henrihorst: diese Fantreue, dieses Bedingungslose, dieses „Wenn-du-morgens-deinen-Tee-trinkst-denkst-du-schon-ans-nächste-Spiel“. Er erinnert sich an die Fußballbücher von Andreas Gläser, Ahne und Frank Willmann, wo Biografien einfach stattfanden. Es war klar: die Jungs, die Mannschaft, die Bullen!

Henrihorst liegt danieder, er darf sich nicht bewegen, schaut zurück. Letztens erzählte ihm sein Arbeitskollege, dass auch er öfter im Stadion am Pappelweg war, nur mit weinroten Trainingshosen, Fresse zum Publikum. Und nach Spielende dann auf der Schönhauser ordentlich hingelangt hat, zackzack! Henrihorst sieht noch die blutenden kahlköpfigen Alkisäcke am Boden liegen, Zähne ausspeiend und halb verendet. Heute schmunzelt er darüber, damals rutschte sein Pickelherz aber richtig weit nach unten. Wenn das die Mutter gewusst hätte…

Kann der Fußball tatsächlich diese Macht haben? Ist er mehr als Faszination und eigene Körperertüchtigung? Dürfen ganze Familien darunter leiden, darf man selbst ignorant genug sein und Fußball als vorrangig allem betrachten? Hornby findet den Ton und Henrihorst schwenkt ganz langsam um in eine Richtung des Zulassens. Etwas Verbotenes darf nun gedacht werden -und: es ist eigenartig angenehm!

Innerhalb der legendären Winterboofe 01 waren er und der Franke die letzten Wachen in der Nacht. Die anderen hatten sich in der Webergrotte eingemummelt, nur ihr Feuer fackelte und beide saßen sie auf kaltem Fels. Draußen lag der Schnee meterdick und Henrihorst hatte die Erzählungen eines anderen Tippelbruders noch im Ohr, Wismut Aue. Harald Mothes, Jürgen Escher, Erler und Konsorten. Morgens um zwei holte der Franke seinen Jameson raus und beide (hatten sich gerade erst kennen gelernt) ratterten ihre Vereine runter: Roma!Roma! Gunners!Chelsea! Bohemians!Slavia! Celtic!Celtic! Barca!Athletic! Club!Gladbach! Bordeaux!Nantes! Stavanger!Moss! Panatinaikos!Panatinaikos! ZSKA!Spartak! Malmö!Göteborg! Ajax!Eindhoven! Boca!Boca! Santos! Flamengo! Jeder wurde lauter, als ob man sich über diesen Zurufkampf besser beschreiben könnte! Es war herrlich und es beinhaltete etwas Großartiges, etwas Wahres – man durfte „sein“. Und die archaische Kulisse machte diesen Moment ganz besonders wertvoll. Der Schürmeister kümmerte sich liebevoll um die Glut und beide starrten wissend in dieselbe.

Dann die Hoolweide, terra non grata, aber gegen Pauli (weil für) immer. Zusammen mit den Vätern ihrer Jungs, Selbstironiker und Fettstangenesser. Oder mit Ingo 95 im Westfalenstadion, NullNull gegen Leverkusen, zum Kotzen. Meute im Feuermelder, um gemeinsam Milan gegen Liverpool zu sehen (Schampiniongliga-Finale). 3:0 zur Halbzeit, Rest ist klar, ja?

Recht betrachtet, ging dann doch ganz schön viel Tiempo drauf. Und Knete. Und Leber. –

Henrihorst liegt danieder. Wird er zur Mitgliederversammlung seines kleinen Freizeitvereins erscheinen können? Der Schmerz in der Lende ist unerträglich, doch es zieht ihn magisch in den Hauffgrund. Nichts würde ihn aufhalten können und in dieser Sekunde wird ihm klar, warum ausgerechnet ER der Zwischenbesitzer von „Fever Pitch“ wurde: Endlich darf er sich lösen von den ganzen anderen herbei geredeten Verpflichtungen, endlich kann er frei werden und sich zu dem bekennen, was ihm wirklich wichtig ist, sozusagen ein spätes Outing durchziehen: In den Hauffgrund zu schlendern, Martins Bouletten zu naschen und seinem Verein „Traktor Boxhagen“ beim knödeln zuzusehen!

Er pumpt seine kläglichen Lungen voll, liegt nur noch physisch danieder, erhebt sich emotional, schwingt sich auf und klettert auf die Flügel der Weisheit: „Später ärgere ich mich, das hier verpasst zu haben – ich lasse es zu und mache es lieber jetzt, widdewiddewittbummbumm!“ Fliegt los auf einer Schwalbe und sieht unter sich das Boxhagener Land, weiß zweierlei: Hier werden nie Atomraketen stationiert, hier ist Heimat. Und: gehe nie zur Hertha! Hex`, hex`!

 

Neues und Älteres für den Kopf, als Inspiration für die Beine gedacht…(Mai 09)

Ein Traktor auf der Überholspur!

Das Buch zum laufenden Film ist da (herausgefunden von der Bibliothekarin aus der Dietzgenstraße):

Marina Lewycka/ „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“/ 360 Seiten/ Deutsche Erstausgabe/ 14,-€/ ISBN 3-423-24557-3.

Skurril, ironisch, abgefahren – beste Lektüre nach der Boxhagener Kirschenernte! Und wenn wir schon bei den Hinweisen sind – wärmstens sei Ihnen anempfohlen die folgende Geschichte von runden Leder, der Gerechtigkeit und dem Meer:

Eduard Bass/ „Klapperzahns Wunderelf“/ ARCO-Verlag/ ISBN: 978-3-938375-14-3/ Illustriert von Josef Capek (Erstausgabe 1922!):

„Der alte Klapperzahn macht aus der Not eine Tugend: Aus seinen elf Söhnen formt er eine Fußballmannschaft. Nach jahrelangem Training steigt das erste Spiel gegen einen Prager Vorortklub. Doch schon bald warten andere Gegner: Die legendäre Elf von Slavia Prag, Mailand, Berlin, der FC Barcelona. Klapperzahns Wunderelf eilt von Erfolg zu Erfolg – bis sie eines Tages erstmals bezwungen wird. Von einem kleinen Jungen, dem ein Lederball gehört. Da beschließen die elf Brüder, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Aber plötzlich winkt ein letztes großes Spiel: in Sidney, Australien…“

Ganz köstlich; macht sich auch gut auf des Sohnes Geburtstagstapeziertisch zum 10.

„Ahoi!“ ruft Ihnen zu: Ihr Elch Heidenreich.

 

Betrachtungen und Leseempfehlungen

Raucherlobby in der Eingangsnische des „Hotel Libau“, 24.03.09:

Muss sich nach einigen jüngsten Spielabsagen seitens Traktor-Gegnern (NK Varazdin in der VL, Mud Buckets und Zahlenmaler in der BL) der Boxhagener Balltreterverein „Traktor“ Sorgen machen? Hängen die Abwinkereien eventuell mit dem bisherigen Auftreten der Weinroten zusammen? Will man nicht gegen sie spielen? –

Bezüglich des an dieser Stelle letztens erschienen Artikelchens „Der Sinn einer Suche“ darf Erfolg vermeldet werden: das Vorspielen von Ahmet und Stephan ist vorbei, die Integration abgeschlossen. Die Vereinsleitung darf sich also erfreut über diesen Zuwachs freuen, ebenso die sportlichen Mitstreiter aus der Zwooten – Glück auf!

Auch schön dieses: unter der Regie von Matti Geschonneck wird absehbar der in dieser Zeitung schon empfohlene Milljöh-Roman von T. Schulz „Boxhagener Platz“ mit einigen wirklich interessanten Darstellern am Originalschauplatz verfilmt. Wesentlich geht es um die Frage, wer wohl neben dem Ich-Quatscher die Gunst der resoluten Hauptheldin gewinnen wird: der Altnazi oder der ehemalige Widerstandskämpfer? –

Literatur: Christoph Ruf: „Ist doch ein geiler Verein“. Reisen in die Fußballprovinz. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2008, 240 Seiten, 16,90 € / Jonas Gabler: „Ultrakulturen und Rechtsextremismus“. Fußballfans in Deutschland und Italien“, Broschur, 153 Seiten, 14,00 €.

Frohe Ostern, wa!

 

Auch du, Traktorist, hältst deinen Kiez sauber!

Am Samstag (7.3.) findet um 14.00 Uhr eine Demo auf dem Mittelstreifen der Petersburger Straße statt. Grund ist die Eröffnung eines weiteren Ladens, der Thor-Steinar-Klamotten vertickt. Das Zeug ist bei Nazis sehr beliebt und gehört zum Dresscode. Dagegen soll vor der Hausnummer 96 demonstriert werden, zumal damals darin ein SA-Lokal war, in dessen Keller gefoltert wurde!

 

Der Page I (21.02.09)

Die Bestimmung und das Praktizieren des sich in der Überschrift verbergenden Berufsbildes ist es und bedeutet unter anderem, Gepäckstücke zu transportieren. Kurz: Kofferträger zu sein. Und ganz ähnlich, wie es sich mit der weinroten Trikotage bei Boxhagener Freizeitballtretern verhält (wird reihum als Kollektiv bildende Maßnahme von jedem Traktoristen gewaschen), sollte der von Herrn Munter gespendete Erste-Hilfe-bei-Fouls-oder-Umknickungen-Koffer immer dabei sein. Nun begab es sich allerdings, dass jener vor Wochen abhanden kam und beispielsweise auf der Jahreshauptversammlung klar zur heiß diskutierten Nebenattraktion avancierte. Wo ist er geblieben, wann wird man je verstehen?

Horchet und trauet Euren Augen: So wie bei einigen sich stapeln die Leichen im Keller, schlummerte das gesuchte Edelköfferchen über Weihnachten hinaus (quasi als farblich passendes Gegenstück zu einem gewissen Gemüseteil auf dem Balkone – Stichwort lautet: Orange!) höchstselbst bei Henrihorst Pachulke unterm Bette – hoppla! Vermengt zwischen Winterboofen-Schlafsack, Luftgewehr, Glasperlenspiel und heruntergefallenen Träumen. Da issa also wieder! Jetzt fehlt nur noch die Silberpille der KrachBummEnte, verloren gegangen nach dem Mutante-Spiel (Selbstanzeigen, auch aus den Reihen von Nichttraktoristen, werden vertraulich entgegengenommen – zeitgleich einsetzende Bastonaden wären rein zufällig).

Henrihorst übrigens beschloss spontan, im Rahmen der Verantwortung gegenüber dem Boxhagener Fundus seinen Pilsenerkonsum nach Kickerfesten dramatisch um 5 Halbe auf nunmehrige 5 Halbe zu reduzieren. Im Kriseninterview verriet er der Redaktion noch: „Sonst verlia ick ja würklich ma den Übablick, wa!“

Traktoristen indes entbindet diese Nachricht mitnichten von der Pflicht, verletzungsfrei ihrem Verein zur Verfügung zu stehen. Wenn der Schnee doch nur bald von Gestern wäre…

 

Der Sinn einer Suche

Die Mannschaft ziert sich noch, die Redaktion weiß es schon: topaktuell sind Boxhagener Scouts ausgeschwärmt, zu suchen einen neuen Torwächter und einen „Achter“. Sollten Sie, liebe Leser, dabei behilflich sein können oder gar selbst der Gesuchte sein beziehungsweise ihre innere Sehnsucht nach Freizeitfußballpraxis erst jetzt bemerkt haben, so melden Sie sich doch freundlicherweise einmal beim Vorstand oder kommen gleich direkt beim Mittwochstraining im schönen Hauffgrund vorbei. Die Probezeit ist übersichtlich, allermeistens beeindruckte die rauhe Herzlichkeit der Traktoristen noch jeden Ankömmling. Bis dahin!
31.01.2009

[collapse]

 

Zeitung 2008

Boxhagener Weihnachtsgeschichte 2008:

„Smashing Pumpkin“

Pachulke war zufrieden. Henrihorst Pachulke war sogar sehr zufrieden, mit sich. Diesmal hatte es klappen sollen, einmal im Leben alles richtig zu machen – im Dezember!
Von Anfang an war klar: es würden weniger Schwippbögen in den Fenstern stehen, seltener würden die Balkone die Krossener oder Kopernikusstraße anstrahlen mit ihren albernen Lichterketten und den kletternden Weihnachtsmännern am Sims. Die Zeichen der Zeit, Sendboten der Krinanzfiese, weniger Lichter der Großstadt. „Die Zukunft der Menschheit liegt im Verzicht“, sagt sein Wanderkollege manchmal. Es schien, als würde ein klein wenig die Hektik zerfallen, nicht emporkommen und die Menschen erfassen. Die waren 11 Monate träge und drehten sich wie auf Bestellung knappe 3 Wochen (je nach dem) im Rad, mürrisch, fluchend und pflichtbewusst, jedes Mal. Am Ende der Besorgungen fehlte immer noch die Hälfte, ein Hoch auf die Vergesslichkeit.

Henrihorst versuchte, sich zu erinnern: Wie war es früher, als er Kind war? Wahrscheinlich bedeutend schwerer für seine Eltern, wo die Kaufhallen kurz nach Büroschluss schlossen. Von FDGB-, Partei-, DSF- und sonstigen Abenden ganz zu schweigen. Und dann, ja! Dann das Ganze noch ohne Westverwandschaft! Backzutaten, richtige Schokolade, Whisky…April, April! Langsam kamen sie hoch, die Erinnerungen. Pachulke hielt die Augen lange geschlossen, die Szenen glitten vorüber, Menschen wurden von Jahr zu Jahr größer, Große nach und nach immer wunderlicher und über allem lag ein Geruch von gepuderzuckerten Branntmandeln und dem weihnachtsmarktlichen pubertären Weibergekreische. Nicht unangenehm.
An diesem 24. Dezember um 10.32 Uhr krante Pachulke seine Arme weit über den Frühstückstisch. Triumph! funkelten seine Augen, und die Dehn- und Streckübung hatte etwas Imperatorisches an sich. Beim zweiten Kaffee ging er noch einmal alles durch: Sich der Lächerlichkeit vollends preisgebend, erwarb er schon am 29.11. einen Baum; nicht gezielt, eher die Gelegenheit nutzend. Übrigens keine geschnittene herrschaftliche Weißtanne zu über 50 Piepen wie sonst, nein, eher eine Pygmäe von Nadelgehölz, aber im Topf! Zärtlich klopfte er sich innerlich auf die Schultern, die geniale Idee feiernd. So „öko“ war er noch nie, das Lebenlassen und sogar Zurück-in-den-Wald-bringen einer lästigen, nur für eine bestimmte Phase nützlichen Pflanze ging ihm bisher völlig ab. Und in diesem Augenblick war der Entwurf, DER Plan überhaupt in ihm da, sich leise empor kringelnd erst, merklich dann und schließlich besitzergreifend. Keine paar Tage später, noch vor Nikolaus, räumte Henrihorst bei PLUS die Regale leer. Es gab ja alles, lieber das Geld jetzt ausgeben, ehe der Suff die Namen der Dinge verwischte, die ganz oben auf den Wunschzetteln stehen. Außerdem hieß PLUS ja wohl gezielt so: Prima Leben Und Sparen! Da bin ich doch dabei, das gönne ich meiner Familie mal! Derart beseelt von seiner selbstlosen Kühnheit und zwingenden Entschlusskraft verließ Pachulke vollbepackt die Filiale in der Köpenicker Straße, sich bewundernd und rühmend ob dieser Strahlkraft, welche er zwar schon lange in sich vermutet hatte, deren Existenz sich jedoch erst jetzt Bahn brach.

Mit den Geschenken ging er ähnlich vor. Schnell wurde besorgt, was sich nicht streichen ließ (tatsächlich konnte er geschickt die Liste bis auf einen Wunsch pro Nase ausdünnen, immer auf die offiziell von den Medien angekündigte Rezession verweisend) und war so imstande, das ganze Allerlei so früh wie nie unter seinem Bett zu verstaustecken. Oft musste er sonst bis Anschlag arbeiten und sich einen Wimpernschlag vor der Angst ins letzte Dussmann-Gefecht stürzen, schlimm!

So saß also Henrihorst Pachulke um 10.39 Uhr mittwochs in der Küche und wusste: Gleich nachher würden die Kinder das singende, klingende Bäumchen geschmückt haben, alles würde funktionieren und es gäbe dieses Mal kein Gezank mit der Angetrauten. Die Langeweile würde er elegant mit wohldosierten Rumtopfeinheiten überlisten, seine Kochkünste loben hörend. Ein absinth-artiger Nebel legte sich dann in alle Atmosphären der kommenden Tage und auf sieben Kissen von Atlas, Brokat und Seide thronend, nähme er gnädig die Huldigungen seiner Familienmitglieder entgegen…

Und herrlich eins mit sich und der Welt, beschloss er spontan, seinen Plan zu vollenden nun und zu entsorgen noch das große runde Stück Gemüse, welches seit Wochen, von der Tante gezogen und geschenkt, jedoch nicht mehr gebraucht, auf dem Balkone seiner Bestimmung harrte. Oftmals wollte er sie machen, die Kürbissuppe, bekämpfend das „Arme-Leute-Essen-Image“. Denn er kannte ja ein Rezept, wonach die Verzehrer, wie die Puppe mittels Feder aus dem Karton herausgeschossen, ihre Augen weit nach vorn gerückt, sagen würden: „Pachulke! Nein! Was für ein Geschmack, sensationell! Wie kriegst du das bloß hin?“

Er hatte es nicht hingekriegt, er musste ja besorgen, bedenken, beborgen. Aber das gehörte ja zum Plan, Arschlecken mit der Suppe! Wenn also die Kugel erst in der Mülltonne gelandet war, wäre dies die Krönung seiner Tätigkeiten! Bunte Teller, Baum, Pyramide, Stollen (Dresdner, klar!), Pute, die Platte von 1967 mit den Adventshammern, Geschenke – alles da! Die Lider wohlig halb geöffnet, zeichnete sich Pachulke in diesem Augenblick mit dem Großen Vaterländischen Verdienstorden aus, atmete tief durch und ergriff den Kürbis.

Doch nun geschah etwas äußerst Seltsames, nie Gekanntes: Henrihorst war ab sofort seiner Zeit um einige Sekunden voraus, er wusste genau, was passieren würde, befand sich sozusagen in einem ständigen Deja-vu. Vielleicht war das die Belohnung für seine Schnelligkeit bisher, ein temporale Bonifikation quasi, ein Blick in die Zukunft? Wer wünscht sich das nicht. Allerdings war er auch komplett handlungsunfähig, er würde nicht einschreiten können, um das sich abzeichnende Unglück zu verhindern. Erschrocken nahm er auf der Schwelle die bläuliche Verfärbung der einst grüngelben Schale wahr, erkannte beim Abschließen den Schimmel. Schwer wog das vergammelte Etwas in seiner Hand, mit zitternden Augen besah er, wie töricht seine Finger den Strunk umschlossen. Nach einer halben Treppe pendelte sein Arm munter und verspielt, bei des Untermieters Tür dann passierte es: langsam, zeitlupengleich löste sich die Megamurmel von ihrem Zipfel. Pachulke behielt friedlich umklammert das, was einst auf dem Kürbis für Blattwerk sorgte. Der seinerseits jetzt im hohen Bogen dem Absatz entgegensegelte, lustig hüpfend auch, einzelne Stufen liebkosend. Um zuverlässig zu zerbersten dann, sich nach und nach teilend, einen sehr eigenen Geruch abzusondern. Welcher sich ausbreitete, zentnerschwer das Gift ausgasend, sofort jegliches Atmen auslöschend. Sinnliche Apokalypse! Es sah aus und roch wie zwei Tage nach der Schlacht bei Borodino. Und das alles im eigenen Hotel…

In diesem Moment war Pachulke klar: Das ist der Haken bei der Sache, hier finde ich die Strafe für mein innovatives Gebahren, dies ist die Verhohnepiepelung meines Aktionismus`!
Irgendetwas war eben doch faul, immer.

 

Trainerwechsel beim SV Traktor Boxhagen!

13.11.08, exklusiv von Nils Nüsschen:
So schnell, wie der Wind sich nur eben ausbreitet, konnten heute alle Sachverständigen auf dem Kiez von den schwerwiegenden Folgen der 7-stündigen nächtlichen Sitzung des Traktor-Vorstandes im Anschluss an das reguläre Mittwochtraining (22 Beteiligte!) Kenntnis bekommen. Mit sofortiger Wirkung übernimmt die KrachBummEnte die sportliche Leitung bei den Weinroten; der bisherige Trainer ist beurlaubt.

Wie aus gut unterrichteter Quelle zu erfahren war, gilt diese offizielle Sprachregelung: Nicht etwa aus Gründen des sportlichen Misserfolges oder aus Angst vor den kommenden schweren Gegnern legt die Autorität ihr Amt nieder, sondern aus für Freizeitsportler simpel nachvollziehbarer Kausalität – Zeitmangel infolge beruflicher Umstände. Für deren vorteilhafte Entwicklung wünschten die Boxhagener Vorständler ihrem bisherigen Sportleader alles Gute und es wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, die Zusammenarbeit unter günstigeren Bedingungen sofort wieder aufnehmen zu können. –

Gleichzeitig wurde der Nachfolger präsentiert, der, ausgestattet mit der Aura legendärer Vereine, genügend Sachverstand und soziale Kompetenz mitbringen dürfte. Auszüge aus seiner Antrittsrede:

„So besitzt denn das Fußballspiel vermöge des von ihm ausgehenden Reizes eine ihm eigene Kraft, die heranwachsende Jugend aus der ungesunden Stickluft der Kaffeehäuser und Schenken ins Freie zu locken. Der Umstand weiter, dass in den meisten Mannschaften Personen verschiedener sozialer Ordnung Seite an Seite spielen, ist der Ausbreitung der Idee menschlicher Gleichberechtigung überaus förderlich.“

Und wie es so üblich ist bei den Neuen Besen, brachte die KrachBummEnte auch gleich einen Neuzugang mit, als hoffnungsvolle Verstärkung für die Balltreter sozusagen. Es handelt sich hierbei um einen Sportkameraden mit folgenden Eigenschaften: einszweiundneunzig lang, linker Wadenumfang 48 cm, vierschrötig, beratungsresistent und kompromisslos. Der Künstlername dieses finnischen Stoikers in Zyklopengestalt lautet übrigens „Der Häcksler“. -Die Boxhagener Fangemeinde ihrerseits hat volles Vertrauen in die Entscheidung des Vereins, die sportliche Leitung auszutauschen. Geräuscharm und reibungslos praktiziert, zeugt sie doch von großer Zielstrebigkeit.
In diesem Sinne alles Gute – nichts ist beständiger als der Wechsel!

 

„NICHT BEZAHLEN!“

Hotel Libau, 03.11.08

Die Bildungsbürger unter Ihnen kennen vielleicht die Rubrik „Wie verbringen Promis ihr Wochenende“ in der Berliner Zeitung. Das ist so ähnlich wie mit den Kochshows oder den Aus- und Wiederzurückweilverkacktwanderern in der Flimmerkiste: Die Sesselfurzer partizipieren virtuell und sagen sich dann lässig „Kann ich auch, muss ich aber jetzt nicht machen!“.
Von Henrihorst Pachulke wird Ihnen nachfolgend erzählt, wie ein Wochenende in Boxhagen ablaufen kann, unter Nicht-Prominenten:

Die rasante Eröffnung beginnt selbstverständlich schon Freitagabend. Mit dem von Heiko akkurat gezapften Verwöhn-Pilsener in der „Tagung“. Politischer Stammtisch: Wenn man nicht rechtzeitig auf CubaLibre (Schmunzelbrühe stimmt milder) umgestiegen ist, fliegen nach der vierten Tasse immer die Fetzen. Das signalisiert der Schädel Stunden später. Aspi rein, Kaffee, Brot und Pflaumenmus. 11 Uhr, das Wetter ist überragend für den ersten Novembertag und die Herzdame hat das bezaubernste Lächeln der Welt. Diese Grübchen. Jetzt aber raus aus dem Hotel, Besorgungen machen!

Bei Rossmann (Ecke Grünberger/Warschauer) wälzt sich der Club der schönen Mütter an der Kasse vorbei. Da schreit es gellend aus einem dieser Hochtechnik-Kinderwagen (also 300 Öre müssen es schon sein): „Nicht bezahlen. Huhuhu! Nicht bezahlen!!“ Alles grinst. „So-ein-frecher Schlingel!“-Blicke werden ausgetauscht. Henrihorst versucht sich die Realität vorzustellen. Interessant: Alle ließen die „Tore zum Geld“ in der Hosentasche und schleppten ihr Zeug einfach aus dem Laden. „Nicht bezahlen!“ Dieser rotzlöffelige Anarchist ruft auf die Barrikaden, aber niemand kriegt es mit…

Auf dem Boxhagener Platz (Literatuttipp: gleichlautender Milljöh-Roman von Torsten Schulz) ist Markttag. Hier kann man die besten Kalamata-Oliven und die glatteste Petersilie erstehen. Gefeilscht wird nicht! Loslassen, treiben lassen, zuviel Kräuter und Gewürze gekauft. Zeitlich begrenzte Sinnes-Therapie. Dann weiter, zur Filiale der Gebrüder Albrecht. Federnden Schrittes, elegant die Hundehaufen umkurvend, Simplonstrasse. Die Sonne lacht, was macht das schon – wir halten zur Sowjetunion! –
Während der Rucksack auf die Pachulkeler Säule drückt, pumpt eine ältere Dame Wasser auf den Steig für Bürger in der Dirschauer Straße. Quietschgeräusche, bekannt aus Kindheitstagen. Wo gibt es mehr von diesen grünen Metallmonstern als in Boxhagen?

In der Revaler räumen als Umzugshelfer getarnte maffjaartige Mitbürger eine Wohnung leer. Henrihorst kann einen kurzen Blick in die riesige gelbe Kunstledertasche aus den 70ern werfen. Der Inhalt passt: alte Playboy-Heftchen. Auch wird ein Holzmöbel davongetragen. Bekannter runder Tisch, dessen zwei Hälften auseinander gezogen werden und das nun auftauchende, ehemals eingeklappte Mitteldrittel freigeben. Der ganze Anblick schreit förmlich nach Doppelkopf oder Domino! Aber weiter. Die Teltower Rübchen müssen noch geputzt werden und die Lämmerknacker aus dem Kirnitzschtal aufgetaut. Schließlich kommen um 15.00 Uhr die Gäste aus dem Baskenland.

Nun, der Eintopf gelang. Halb-Irischer Charakter, Lob von allen Seiten. So inspiriert, wollte Henrihorst bei einem schwedischen Möbelhersteller noch ein paar Piepen loswerden. Zum Zwecke des Kaufes eines Stummen Dieners. „Kann Madamm endlich ihre Blusongs

uffhäng`!“ –

Pünktlich zur Sportschau sitzt der Mann wieder auf dem Kanapee – Hoffen im Heim! Abends noch etwas postulieren und ab in die Träume. Schließlich spielen morgen die Berliner 05er bei Tante Mu um die Tabellenspitze der obersten Freizeitkickerliga. Henrihorst ist Späher, Traktor Boxhagen spielt gegen beide Truppen noch vor dem Feste mit Snegurotschka. –
Sonntag früh um Neune (die Angetraute zieht es unwiderstehlich ins Büro) in RudowBuckow: das Zyklopenauge weidet sich am magnifikanten Spiel von Mutanten (8:2). Die Inthronisierung von „El Diez“ in Buenos Aires hat schon mal Sportingistas zu großen Taten animiert; die „Albiceleste“ wird folgen. Wie schön, freute sich Henrihorst: Kostbarste Zeit überaus sinnvoll genutzt! Nachmittags spielt noch Union gegen Fortuna – keine Alternative…

Stattdessen fallen im Hotel unbezahlte Nebentätigkeiten an, die weder in Glotze noch Gazette vorkommen: räumen, saugen, wischen, waschen. Könntamasehn!
Es wird immer gewöhnlicher, bis der Gong zum Tatort ertönt. Doch nein, da trudeln die zwei nach Tirol verschickten Kinderchen aus den Herbstferien wieder ein! Jetzt erst fällt Pachulke auf, dass dieses Wochenende ganz und gar ungewöhnlich war. Und so heißt es nun wieder: Schluss mit Ruhe, prominent den Alltag zelebrieren. Nach nur 5 Tagen Werbepause geht es dann weiter, frohes Schaffen!

 

Mehr als nur ein Steinwurf: Zum Zusammenhang von Hauffplatz als Spielstätte von Sparta Lichtenberg/Traktor Boxhagen und Tucholla-Platz im Kaskelkiez.

Nachstehender Artikel wurde freundlichst entnommen der jw am 02.10.08

„Der Berliner Fußballverein SSV Köpenick-Oberspree wird am kommenden Samstag die Antifaschistin Käthe TUCHOLLA ehren (1910-1943), die am 28. September vor 65 Jahren ermordet wurde. Das 2000-Zuschauer-Stadion des Landesligisten trägt ihren Namen. Beim Verein SPARTA LICHTENBERG, wo sie Feldhockey spielte, lernte die Sekretärin ihren späteren Ehemann, den Fußballer und Kommunisten Felix TUCHOLLA, kennen. Die beiden engagierten sich in der „Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit“. Nach der faschistischen Machtübernahme verbreiteten sie im Umfeld der Gruppe um Robert Uhrig antifaschistische Literatur, beschafften Quartiere für verfolgte Antifaschisten., unterstützten einen sowjetischen Kundschafter. Im Juli 1942 wurden Felix und Käthe TUCHOLLA von der GeStaPo verhaftet. Zusammen mit 292 anderen Männern und Frauen wurden sie während der Plötzenseer Blutwoche im September 1943 hingerichtet. Die Ehrung für Käthe TUCHOLLA findet am Samstag in der Halbzeitpause statt, 14.45 Uhr an der Gedenkwand am Bruno-Bürgel-Weg.“

 

Boxhagener Südwesten, im Foyer des Hotel Libau, 23.08.2008

Kennen Sie noch Gunther Emmerlich? In Las Vegas beispielsweise erfriert jedes noch so zarte Hüsteln blitzeisartig, wenn dieser Name fällt. Mittlerweile im Olymp der internationalen Unterhaltungsindustrie angelangt (zu Recht, absolut!!), weiß doch jeder noch so tumbe Hinterhofgermane mit diesem Titan der Flimmerkiste etwas anzufangen. Welch Trumpf-As der leichten Muse, ausgestattet mit der einzigartigen Fähigkeit, unermessliche Heiterkeit unter die Völker zu bringen; sensationell seine Wortgewandtheit, die sich wie eine Toga um die Verkörperung der letzten moralischen Instanz der ach so zerschundenen Medienlandschaft schmiegt! Die Sie, liebe Leser, gerade mit derlei Informationen beglückende Sportredaktion (ach so: vor zwei Stunden und 34 Minuten hat Argentinien die nigerianische Pekingente vernascht – Grüße an Mutanten!) macht an dieser Stelle einmal Köpfe mit Nägeln drin und stellt fest: Die Nennung des Namens oben erwähnter Persönlichkeit, dieses Rodin in Buchstaben, sollte künftig urschreigleich nur noch im Zusammenhang mit überrrragenden Ereignissen, gekennzeichnet von größter Größe und Würde, einhergehen! –

Herzlich willkommen zur Eröffnung der Kleinfeld-Balltreten-Saison 08/09 beim VFF Berlin, sowohl in Verbands- (Traktor Boxhagen I nach Aufstieg) als auch Bezirksliga (Traktor Boxhagen II, neu gemeldet)! Erneut wird ab September in Liga und Pokal der Versuch unternommen, mit attraktiven sportlichen Angeboten Zuschauer und Aktivisten zu magnetisieren. Um darüber noch spezieller berichten zu können, wird absehbar die Internetzeitung zu Lesers Gunsten verbessert. Freuen Sie sich darauf!

Ansonsten bleibt abzuwarten, wie sich die Zukunft dieses sympathischen Vereins gestaltet und ob die sportlichen Protagonisten unverletzt ein weiteres Mal ihre charakterlichen Vorzüge zur Geltung bringen können. An Einsatz, Hilfsbereitschaft und Humor jedenfalls hat es bisher nie gemangelt und so stellen sich die Chancen, die viel versprechenden Nachwuchskräfte zu integrieren, als ausgezeichnet dar. Generationsübergreifend ist es vielleicht doch möglich, der Evolution ab und an ein R voranzustellen.

Ein gutes Beispiel wurde heute auf dem Fischer-Platz anlässlich des Stadionfestes von Sparta Lichtenberg gegeben, innerhalb dessen sich in der ersten Auseinandersetzung (Rasen, Großfeld) Traktor Boxhagen dem FC Akzent gegenübersah. Von der KrachBummEnte hervorragend eingestellt, gelang es den Athleten in weinrot, mittels kompromisslosen Abwehrspiels sowie vorne konsequent genutzter Chancen, mit 4:3 zu obsiegen. Herrliche Tore gab es zu bejubeln: Die Führung durch Falk touchierte mehr als leicht die Rubrik „Weltklasse“ (del Piero hockte Pate), der Kopfball (nach Ecke Andreas) eines aus Gründen nicht namentlich genannten Gasttraktoristen war die reinste Kanonade, ein wissenschaftlich verarbeiteter Foulelfer (Andreas) machte Siegambitionen deutlich sowie eine tiefschlafsicher abgeschlossene Kombination über Falk durch Candy riss auch den letzten Hingucker aus der Hüftschale – Fußballherz, was willst du mehr! –

Nachmittags stieg Bill Haley aus der Kiste und die Leute hatten Spaß an Manfred Zapfens Traditionsmannschaft (mit Sparwasser, Brillat, Terletzki, Lieberam & Co.).

Ein erster sportlicher Erfolg ist eingeräumt, die Saison darf beginnen! Über diese und weitere spannende Themen unterhält Sie gerne die Ihnen geneigte Sportredaktion, welche sich für heute mit einem kräftigen „GUNTHER EMMERLICH!“ aus dem Fanblogck verabschieden möchte.

 

Letzte, nötige Worte
Sonntag, 8. Juni, im Gartenlokal „Na Tokani“ (Balzhütte) im Böhmischen. Aus aktuellem Anlass bat die Boxhagener Vereinsleitung die Sportredaktion, den nächstverfügbaren Autor zu aktivieren, um Neuigkeiten im Land zu verbreiten. Hier also, unter lauschigen Buchenblattdächern, zwischen äsendem Reh und friedlich grunzendem Ferkel, fernab jeglichen Fußball-Schwachsinns, folgende Erklärung des Saisonfinales der Landesliga Kleinfeld beim VFF: Die Traktoristen waren für den 7.6.08 vollständig präpariert, gegen Cosmos United den Aufstieg mit einem Sieg perfekt zu machen. Jedoch wurde seitens der Gastgeber am Abend davor mittels Bellschem Apparat die Paarung unter der Begründung eines Spielermangels abgesagt. Boxhagen selbst war auf dieses Wochenende schlicht und laut Spielleitung fixiert, ab Montag sind einige Teile der Mannschaft nicht mehr in der Stadt. Insofern fiel eine Verschiebung aus; Boxhagen bedauert dies. Lieber hätte man das Finale sportlich geregelt, dann wären es auch die sympathischen Mitwettbewerber vom FFC Nordpol zufrieden gewesen. So bleibt ein fader Beigeschmack in der Mallorcinischen Fischsuppe des Autors zurück. Dem spontan einfällt vorzuschlagen, die ganze Sache doch mal „relativ“ zu sehen. Nämlich: ein Haar in der Suppe ist relativ viel, ein Haar auf dem Kopf ist relativ wenig. Und um sich jetzt aufzumachen, den Wanderstecken ergreifend, langen, sicheren Schrittes neuen Zielen in der böhmischen Schweiz entgegenzueilen. Dabei wird ihm einfallen, nachher, die

ODE AN DIE TRAKTORMANNSCHAFT:

Nichts ist stärker als die Liebe einer Mutter. Nichts. Doch irgendwann, wenn die Niederungen der Moral betreten sind, wenn das Gewöhnliche Einzug gehalten hat und die Gleichgültigkeit dominiert, ist man zu schnell damit gewesen, sein Herz und seine Gefühle ins Exil zu schicken. Denn davor, weit davor noch existiert eine Stärke, welche die einzelnen Auszüge aus dem Konto des Lebens so interessant machen kann: Die Rede ist von einer Fußballmannschaft und ihrer Stärke, sich als solche zu begreifen; gemeinsam durch Niederlage und Sieg zu gehen, voranzuschreiten, Entschlusskraft und Seele zu entwickeln. Die Rede ist von den Balltretern in weinrot, von den Boxhagener Traktor-Kickern.

Von überall her kamen sie zuverlässig in Scharen, stets humor- und rücksichtsvoll. Mit selbstloser Glut in den Augen packten sie die Aufgaben in dem jungen Verein an, ein jeder an seinem Platze. Wohl wissend, später die sprießenden Gärten Boxhagens, mit Zwergen aus Bayern und Hoffenheim in den satt bestellten Beeten, liebevoll pflegen zu wollen. Lasst uns innehalten, ihr Heroen und Gavroches, um zu horchen, ob die Wahrheit gesiegt hat. Ja, der Aufstieg ist Realität, ja, eine zweite Mannschaft wird sich in Bälde präsentieren in den Arenen der Welt! Und wenn eure Nüstern den klaren Duft der Gerechtigkeit verspüren, so tretet erneut an und macht eurem Namen Ehre! Und wisset:

Wenn der Erfolg viele Väter hat, so ist doch die Vorbereitung seine kleine Schwester (frei zitiert nach dem TrosinaStäff). Jetzt aber: Fernseher aus, Sternschnuppen an!

 

Sommerglosse: „Jonseck wohnt in Nottingham“

An einem der meist aufregenden Abende in Werners Bar, es könnte das zweite Semifinale der Alpen-EM gewesen sein, kam das Gespräch auf die Qualität und Beschaffenheit der früher hergestellten Bälle, ihr wisst schon: derbstes Rindsleder, die, durch Regen vollgesaugt, bei Kopfbällen den Eindruck entstehen lassen, man rennt gegen ein Hochhaus. Und da fällt mir doch eine kleine Geschichte ein, wahrlich passiert in den seligen Tagen meiner Kindheit, als es nur eine Frage der Zeit war, wann der Sozialismus siegt und ich immer noch dachte, dass Kapitalismus von kapitulieren käme.

Am Heiligabend 1978 schenkten mir die Großeltern eine Fußballgarnitur. Komplett, mit Töppen (jene aus schwarzem Segeltuch und dunkelroten Applikationen sowie dem sensationellsten Gummiduft, welcher aus jedem Stollen der angegossenen Sohle strömte), Stutzen, Hose, langärmligem Hemd („Jersei“, sagte Oma zärtlich) und einer Lederpflaume! Ich konnte es nicht fassen und war mit Sicherheit der glücklichste Bube in Berlin-Mitte. Draußen, in der Dämmerung, war es ruhig und friedlich. Kein Auto fuhr, die Karl-Marx-Allee war zugeschneit (gleichzeitig kämpfte die NVA mit den Kohlekumpels in den Tagebauen um das Überleben der Republik)und lud mich ein, Spuren zu hinterlassen. Die Helden damals hießen Nanninga, Kempes oder Neeskens. Ich allerdings umkurvte Rensenbrink-gleich das Cafe „Moskau“, um dann souverän wie Daniel Passarella das Kino „International“ zur uneinnehmbaren Festung auszubauen. Im Schnee sah es aus, als hätte es mindestens ein Berliner Derby gegeben, eine Schlacht mit allem, was dazugehört! Zum ersten Mal in meinem Leben genoß ich eine gewisse Multiplität, ich war der Verzauberer und Retter, Luque, Menotti und Eberhard Vogel in einer Person. Tatsächlich wähnte ich die 1.Mai- und 7.Oktober-Bühne vollbesetzt und gab alles, um die Zuschauer in Ekstase zu versetzen. Ausgepumpt und völlig verschwitzt, stolz das runde Leder unter dem Arm, fiel ich dann abends unter die Krüppelkiefer und lauschte andächtig der Familiensaga aus Großmutters Mund. Zum Schluß ging dann Opa in den Keller, um mir geheimniskrämerisch eine Dose Lederfett zu überreichen. Seine Schweigsamkeit deutete ich als eine dem Moment angebrachte Feierlichkeit, erst später wusste ich, dass sein eigentliches Ziel kellerorts um diese Stunde das Entkorken einer schönen bulgarischen 1-Liter-Wermutflasche war. Beim Einschlafen wurde mir klar, dass ich einer der begnadetsten Fußballer all over the Erdball werden und am nächsten Morgen alle nur erdenklichen Tricks draufhaben würde. Ich schwor mir, den Ball der Großeltern nie mehr zu benutzen. Fortan sollte er mich an meine große Zukunft erinnern, quasi als Subjekt der Magie und Auftrag zugleich.

Seltsamerweise wollte in den folgenden Monaten nie jemand mit mir knödeln. Ich war nett, ließ mich als Letzter wählen, durfte unter ständiger Lebensgefahr (das war der Anfang einer sich bis heute erhaltenen Vierbeiner-Antipathie) verschossene Pillen aus den Vorgärten heranschleppen und nahm jede Schuld an einem Gegentreffer auf mich. Irgendwann, in den tiefsten Tiefen meiner Isolation, wurde mir klar, dass es vielleicht an meinem gelben Trikot mit dem schwarzen Vertikalstreifen über der linken Brustwarze liegen könnte. Schnell sattelte ich auf ein (spezielles) Rot-Weiß um und siehe: im Sturm erklomm ich die Hierarchie des Platzes und unterhalb der angemessenen Würde des Kapitäns lief dann nie wieder etwas.
So vergingen die Jahre und der stramme Weihnachtslederball wachte im Regal über dem Bett über mein Schicksal.

Es war im Jahre 1982, als wir einerseits unseren ersten Jugendweiherausch hatten und die Pickel lustig sprießten, andererseits sich eine merkwürdige Ball-Armut in Marzahn breit machte. Wahrscheinlich hatte der Klassenfeind wieder eine Maul- und Klauenseuche eingeschleust, in deren Folge die Bad Doberaner Rinder fast ausgerottet wurden. Jedenfalls war man bald selbst mit einer Gumminülle auf dem Bolzplatz weit vorne. Auf dem es, wie auch heute noch, klare Regeln gab: Die Pißnelken (das waren wir) durften bis 18.00 Uhr spielen. Dann kamen, unseren Ärger über die ungenutzte Zeit stets kalkuliert vergrößernd, gemächlich die Alten. Mit Kippe im Mundwinkel und Pilsenerflasche in der Hand, lässig jonglierend, aber schon richtigen Eiern im Sack. Großer Auftritt! Ihr Anführer hieß Steffen Jonseck, ging in meine Parallelklasse und genoß wegen zweimaligem Sitzenbleibens in einschlägigen Kreisen große Popularität. Zudem spielte er bei Fortuna Biesdorf (das in etwa das Nottingham Forrest des Berliner Ostens war) und alle raunten nur: „Der wird mal ein ganz Großer!“

Eines Tages war es soweit: Es gab nicht einen Ball mehr im Rayon und nun hatte ich meinen großen Moment. Mit den gnädig hingeworfenen Worten „Jungs, wartet mal, ich hab da noch was!“ holte ich den mittlerweile fast versteinerten Ball aus dem Regal, gab ihm ein paar Stöße ATÜ ins Innere, sah mich im Mittelpunkt des Weltgeschehens und brachte das Ding zurück in die Manege. Nachdem sich dann alle vom Staunen erholt hatten und niemand so recht Mut aufbrachte, die Murmel zu berühren, schlug es sechse und Jonsecks Gang rückte an. Klaglos verdrückten sich alle, bis in meinem Nacken der Peitschenhieb einer Forderung landete: „Brille, wenn dit dein Ball is, bleibste hier!“. So geadelt, durfte ich gar mitspielen und war Zeuge eines Geschehens, in welchem die Beteiligten konzentriert und hingerissen mit ihrem neuen Werkzeug operierten. Verbissen und lautlos. Es war wie im Stummfilm, göttlich! Staunend und trotzig sah ich meinen Heimkehrtermin verstreichen, ignorierend die Sorgen der Mutter. Viel später machte ich mich auf, glücklich, die Forderung „Ball bleibt hier, Brille, wo wohnste, laß ick nachher rumbring`!“ nicht abgewiesen zu haben! Bestimmt wuchs ich in diesen Sekunden um zwei Zentimeter, die Alten ehrten mich, indem sie mit meinem Ball spielten! Das süße Gefühl der Unentbehrlichkeit umschmeichelte meine Sinne, ich wurde gebraucht! Viel später erst sollte mir klar werden, dass derlei nicht immer einen Vorteil mit sich bringt.

Nun, ich wartete noch bis Mitternacht und warte eigentlich bis heute, obwohl ich des öfteren den Wohnsitz gewechselt habe, auf daß es klingelt und Steffen Jonseck mit einem unterwürfigen Dank in den Augen mir meinen Ball überreicht. Der dann die Chance hätte, ein drittes Mal in seinem Lederleben zu Einsatz zu kommen.
Heute gibt es solche Bälle gar nicht mehr, jeder nulpige Torwart hat Angst vorm Flatterball, der selbst im Baseler Dauerregen nicht schwerer wird. Das war bei Lew Jaschin ganz anders.
Tja, und sollte ich dereinst mal Enkel haben, schenke ich den 10-jährigen genau das, was ich meinen leiblichen Kindern als Vater verwehrt habe. Nur: eine Fußballgarnitur sollte es schon sein!

[collapse]